Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Falkner

Karteikarte Nr. 030 — Datum: Spätherbst, während einer Falknerei-Vorführung. Kürzel: J.B., 47 J., Falkner. Stichwort: Sturz beim Ausbringen eines Falken, Nervenschädigung am Unterarm, Bedrohung der für die Falknerei notwendigen präzisen Handhaltung. Notiz: eine einzelne Feder seines ältesten Falken.

Der Fall

J.B. war siebenundvierzig Jahre alt, seit über zwanzig Jahren praktizierender Falkner, als er bei einer öffentlichen Vorführung, während er einen seiner Falken auf den Arm nahm, auf unebenem Untergrund stürzte und sich dabei eine Nervenschädigung im Unterarm zuzog, verursacht durch eine Verletzung im Bereich seiner Halswirbelsäule. Für die meisten Menschen wäre eine solche Verletzung eine unangenehme, aber überschaubare Beeinträchtigung gewesen. Für J.B., dessen gesamte berufliche Praxis auf einer absolut ruhigen, stabilen Armhaltung beruhte, die seine Falken als Landeplatz nutzten, bedeutete sie eine existenzielle Bedrohung seiner Fähigkeit, mit seinen Tieren weiterhin sicher zu arbeiten.

Die Wendung

Ich ließ mir von J.B. die genauen Anforderungen seines ungewöhnlichen Berufs erklären, die absolute Stabilität, die ein Falke von seinem menschlichen Partner bei der Landung erwartet, und wie empfindlich diese hoch trainierten Tiere auf jede Unsicherheit oder jedes Zittern in der dargebotenen Hand reagieren.

Die Bildgebung zeigte eine Nervenkompression, die eine operative Entlastung nahelegte, wobei die besondere Herausforderung, ähnlich wie bei anderen Patienten mit hochspezifischen feinmotorischen Anforderungen, in der bestmöglichen Schonung genau jener Nervenbahnen lag, die für seine ruhige, verlässliche Armhaltung entscheidend waren.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Entlastung des betroffenen Nervs, verlief ohne Komplikationen. Ich besprach mit J.B. im Anschluss einen sorgfältig gestuften Rehabilitationsplan, der zunächst einfache Stabilitätsübungen umfasste, bevor er sich, unter fachlicher Anleitung, wieder der eigentlichen Arbeit mit seinen Falken annähern durfte, wobei wir zunächst mit seinem erfahrensten, ruhigsten Tier begannen, um das Risiko einer für Mensch und Tier gleichermaßen belastenden Fehlreaktion zu minimieren.

Der Weg zurück

J.B. arbeitete mit großer Geduld an seiner Genesung, testete seine wiedergewonnene Stabilität zunächst mit leichten Gewichten, bevor er sich, nach mehreren Monaten, wieder an die tatsächliche Arbeit mit seinen Falken wagte. Er berichtete mir, bei seinem letzten Kontrolltermin, mit sichtlicher Erleichterung, dass sein ältester, erfahrenster Falke ihn, bei der ersten Landung nach seiner Genesung, „ohne das geringste Zögern” angenommen habe, ein Moment, den er als endgültige Bestätigung seiner vollständigen Genesung wertete. Er schenkte mir eine einzelne Feder dieses Falken.

Die Nachwirkung

J.B.s Fall hat mir noch einmal eindrücklich gezeigt, wie viele unterschiedliche, hochspezialisierte Formen menschlicher Feinmotorik und Körperbeherrschung es gibt, und wie wichtig es ist, sich die konkreten Anforderungen eines jeden Berufs genau erklären zu lassen, statt von allgemeinen Annahmen auszugehen. Die Arbeit mit einem lebenden, hochsensiblen Tier stellte dabei eine Dimension dar, die ich zuvor in dieser Form noch nicht kennengelernt hatte. Ich habe, seit diesem Fall, ein tieferes Verständnis dafür entwickelt, wie eng die Beziehung zwischen einem Falkner und seinen Vögeln tatsächlich ist, eine Beziehung, die weit über bloße Dressur hinausgeht und auf einem über Jahre gewachsenen, gegenseitigen Vertrauen beruht, das durch die kleinste körperliche Unsicherheit empfindlich gestört werden kann.

J.B. lud mich, im folgenden Frühjahr, zu einer privaten Vorführung auf seinem eigenen Gelände ein, bei der ich, aus respektvoller Entfernung, beobachten konnte, wie er mit seinem ältesten Falken arbeitete, eine Darbietung von stiller, eindrücklicher Präzision, die mich tief beeindruckte. Ich verstand, in jenem Moment, noch besser als durch jedes unserer vorangegangenen Gespräche, welchen körperlichen und mentalen Anforderungen dieser jahrhundertealte Beruf tatsächlich unterliegt, und wie viel handwerkliche wie emotionale Disziplin nötig ist, um das Vertrauen eines solch wilden, unabhängigen Tieres über Jahre hinweg zu erhalten.

Ich betrachte die einzelne, wertvolle Falkenfeder, die J.B. mir schenkte, bevor ich sie zu meinen anderen, ungewöhnlichen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."