Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der erste eigene Fall
Karteikarte Nr. 079 — Datum: wenige Wochen nach meiner Facharztprüfung. Kürzel: R.M., 26 J., Bauarbeiter. Stichwort: Wirbelbruch nach Sturz vom Gerüst, erste vollständig eigenverantwortlich geleitete Operation. Notiz am Rand: “Niemand mehr über mir. Nur noch ich.”
Der Fall
R.M. war sechsundzwanzig, arbeitete seit wenigen Jahren als Bauarbeiter auf einer Großbaustelle am Stadtrand, als er beim Verlegen einer Stahlträgerkonstruktion mehrere Meter tief von einem Gerüst stürzte, dessen Sicherung sich, wie sich später herausstellte, durch einen Montagefehler gelöst hatte. Er landete auf einem Haufen loser Ziegel, auf dem Rücken, und blieb, wie mir seine Kollegen später erzählten, für einen langen, beängstigenden Moment vollkommen reglos liegen, bevor er, unter Schmerzen, zu ihrer Erleichterung die Finger einer Hand bewegen konnte. Als er in unsere Notaufnahme eingeliefert wurde, war ich der diensthabende Neurochirurg, zum ersten Mal in meiner neuen Funktion, ohne einen Oberarzt, der über meiner Entscheidung stand, ohne die Möglichkeit, eine schwierige Entscheidung an jemand Erfahreneren weiterzureichen.
Die Wendung
Die Bildgebung zeigte einen instabilen Bruch mehrerer Lendenwirbel, mit einer beginnenden, aber noch nicht vollständigen Kompression des Rückenmarks. Ich hatte, während meiner Facharztausbildung, bereits Dutzende ähnlicher Fälle assistiert, hatte selbst schon unter Aufsicht operiert, aber in diesem Moment, in dem ich die Röntgenbilder ein zweites, drittes Mal betrachtete, wurde mir mit einer Klarheit, die mich fast erschreckte, bewusst, dass diesmal keine erfahrenere Stimme im Raum sein würde, die mir, im Zweifel, eine letzte Korrektur zuflüstern konnte. Ich rief, mehr aus einem inneren Bedürfnis nach Rückversicherung als aus tatsächlicher fachlicher Notwendigkeit, kurz meinen ehemaligen Ausbilder an, den Mann, dessen Handschrift ich Jahre später auf jener alten Karteikarte wiederfinden sollte, die ich in meinem ersten Archiv-Band beschrieben habe. Er hörte sich meine Einschätzung an, schwieg einen Moment, und sagte dann nur: „Sie wissen bereits, was zu tun ist. Sie brauchen mich nicht mehr, um es zu wissen. Sie brauchen mich nur noch, um es sich selbst zu bestätigen.”
Die Rettung
Ich operierte R.M. noch in derselben Nacht, stabilisierte die betroffenen Wirbelkörper mit Schrauben und Stäben, entlastete den beginnend komprimierten Rückenmarkskanal mit derselben Sorgfalt, die ich mir über Jahre der Ausbildung angeeignet hatte, diesmal jedoch mit einem Bewusstsein für die eigene, ungeteilte Verantwortung, das die gesamte Operation auf eine Weise begleitete, die ich vorher nicht gekannt hatte. Jeder Handgriff fühlte sich zugleich vertraut und neu an, geübt in den Bewegungen, aber neu in dem Gewicht, das jede einzelne Entscheidung nun allein auf meinen Schultern trug. Als ich die letzte Naht setzte, mehrere Stunden nach Beginn der Operation, spürte ich eine Erschöpfung, die sich fundamental von der Müdigkeit unterschied, die ich aus meinen Assistenzjahren kannte, eine Erschöpfung, die auch etwas wie stille Genugtuung in sich trug.
Der Weg zurück
R.M. erholte sich in den folgenden Wochen gut, die neurologischen Ausfälle, die sich unmittelbar nach dem Sturz gezeigt hatten, bildeten sich fast vollständig zurück. Er kehrte, nach einer intensiven Rehabilitationsphase, auf die Baustelle zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin mit einem schiefen Lächeln erzählte, „diesmal mit einem deutlich gesünderen Respekt vor jeder einzelnen Schraube an einem Gerüst.” Er brachte mir, an jenem letzten Termin, einen kleinen, selbst geschweißten Metallanhänger mit, ein Miniaturmodell des Trägers, der ihm zum Verhängnis geworden war, als eine Art Erinnerung, die ich seither, zusammen mit vielen ähnlichen kleinen Geschenken, in meinem Archiv aufbewahre.
Die Nachwirkung
Dieser erste vollständig eigenverantwortliche Fall hat mir, deutlicher als jede Prüfung es je hätte vermitteln können, gezeigt, was der eigentliche Unterschied zwischen Ausbildung und tatsächlicher Facharzttätigkeit bedeutet: nicht ein plötzlicher Zuwachs an Wissen, sondern ein grundlegender Wandel in der Art, wie man die eigene Verantwortung trägt, ganz allein, ohne die Möglichkeit, sie im entscheidenden Moment noch zu teilen. Ich denke bis heute oft an den Satz meines alten Lehrers zurück, dass ich das nötige Wissen bereits besaß und nur noch lernen musste, mir selbst zu vertrauen.
[Wissens ist Macht KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.]Ich schenke mir Wein nach, betrachte das Feuer, das inzwischen wieder ruhiger brennt, und denke an die vielen Jahre, die diesem ersten Fall noch folgen sollten, an all die Male, in denen sich dieses anfängliche Gefühl der alleinigen Verantwortung wiederholen und, mit der Zeit, in etwas verwandeln sollte, das ich nur als eine Art ruhige, selbstverständliche Gewissheit beschreiben kann. Die nächste Karte in meinem Kasten trägt keine Notiz zu einem Patienten, sondern nur ein einzelnes Wort, das mich beim Anblick sofort in eine ganz andere Erinnerung zurückversetzt: „Kraniotomie.”
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."