Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Der erste Brief, der mich weinen ließ
Ich lege die Karten des Bootsunfalls beiseite und lasse eine besonders bewegende Erinnerung aus meinen frühen Jahren als Autor zurückkehren, eine Geschichte, die ich bislang in keinem meiner Bücher erzählt habe.
Es war, wenige Monate nach der Veröffentlichung meines allerersten Romans, als mich, zwischen den üblichen, meist knappen Rückmeldungen zufriedener Leser, ein deutlich längerer, handgeschriebener Brief erreichte, dessen Absenderin sich als Mutter eines schwerkranken Kindes zu erkennen gab. Sie schrieb mir, mit einer Offenheit, die mich von der ersten Zeile an tief berührte, dass sie meinen Roman, während der langen, zermürbenden Nächte an der Seite ihrer Tochter im Krankenhaus gelesen habe, und dass die Geschichte, die ich erzählt hatte, ihr in jenen dunkelsten Stunden ihres Lebens eine unerwartete, aber dringend benötigte Zuflucht geboten habe.
Ich saß, als ich jenen Brief zum ersten Mal las, an genau diesem Schreibtisch, an dem ich auch diese Zeilen schreibe, und spürte, wie mir, gegen meinen eigenen professionellen Instinkt der Zurückhaltung, den ich mir über Jahrzehnte als Arzt angeeignet hatte, unwillkürlich die Tränen in die Augen stiegen. Ich hatte, bis zu diesem Moment, meine schriftstellerische Tätigkeit vor allem als eine Form persönlicher, kreativer Erfüllung betrachtet, eine Fortsetzung jener Freude am Erzählen, die mich mein ganzes Leben begleitet hatte. Dieser eine Brief zeigte mir zum ersten Mal, mit einer Klarheit, die ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte, dass meine Geschichten tatsächlich eine reale, spürbare Wirkung im Leben fremder Menschen entfalten konnten, ganz ähnlich, wenn auch auf vollkommen andere Weise, wie meine chirurgische Arbeit es all die Jahre zuvor getan hatte.
Ich antwortete jener Mutter, noch am selben Abend, mit einem langen, persönlichen Brief, in dem ich ihr für ihre Offenheit dankte und ihr, so gut ich es aus der Distanz vermochte, Kraft für die weiteren, sicherlich noch schwierigen Wochen zuwünschte. Wir blieben, über die folgenden Monate, in einem sporadischen, aber beständigen Briefwechsel, durch den ich erfuhr, dass sich der Zustand ihrer Tochter, entgegen anfänglichen, düsteren Prognosen, tatsächlich besserte, eine Nachricht, die mich, angesichts meiner eigenen jahrzehntelangen medizinischen Erfahrung mit ähnlich schweren Fällen, mit besonderer, tiefer Freude erfüllte.
Dieser eine Brief, der erste einer inzwischen unüberschaubaren Zahl bewegender Leserzuschriften, die mich seither erreicht haben, hat meine gesamte Haltung zu meinem eigenen Schreiben nachhaltig verändert. Ich schreibe, seit jenem Tag, nicht mehr allein für die Freude am Erzählen selbst, sondern mit dem stillen, aber beständigen Bewusstsein, dass meine Geschichten, irgendwo da draußen, in einer mir unbekannten, vielleicht sehr schweren Nacht, einem fremden Menschen ein wenig Trost oder Ablenkung schenken könnten. Ich habe jenen ersten Brief all die Jahre über aufbewahrt, in einer kleinen, eigens dafür vorgesehenen Schachtel neben meinem Schreibtisch, gemeinsam mit einigen wenigen anderen, besonders bewegenden Zuschriften, die mich seither erreicht haben, eine kleine, private Sammlung, die ich, wenn mich der Zweifel an meinem eigenen Schreiben gelegentlich überkommt, gerne noch einmal zur Hand nehme.
Ich habe später erfahren, dass die Tochter jener Mutter, die mir diesen ersten, so bewegenden Brief geschrieben hatte, ihre Krankheit vollständig überwunden hat und heute selbst, wie mir ihre Mutter Jahre später in einem letzten Brief mitteilte, mit großer Freude liest, unter anderem, wie ihre Mutter mit sichtlichem Stolz hinzufügte, meine eigenen Bücher.
Diese Nachricht, so viele Jahre nach jenem ersten, tränenreichen Abend an meinem Schreibtisch, hat mich noch einmal daran erinnert, wie lange die Wellen einer einzigen, ehrlichen Geschichte reichen können, weit über den ursprünglichen Moment ihres Entstehens hinaus.
Ich greife nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, mit erneuerter Dankbarkeit für jenen ersten, so bewegenden Brief, der mir vor so vielen Jahren die eigentliche, tiefere Bedeutung meines zweiten Berufs offenbarte.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."