Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Eiszapfen
Karteikarte Nr. 095 — Datum: strenger Winter, ungewöhnlicher Kälteeinbruch. Kürzel: T.O., 39 J. Stichwort: Kopfverletzung durch herabfallenden Eiszapfen, seltener Unfallmechanismus, oberflächlich harmlos wirkend, tatsächlich mit Schädelbruch. Notiz am Rand: “Manche Gefahren hängen wortwörtlich über unseren Köpfen.”
Der Fall
T.O. war neununddreißig, auf dem Weg zu seinem Auto, das er, wie an jedem gewöhnlichen Wintermorgen, direkt vor seinem Wohnhaus geparkt hatte, als sich, durch die ungewöhnliche Kombination aus starkem nächtlichen Frost und einer plötzlichen Erwärmung am Morgen, ein großer, an der Dachrinne über ihm hängender Eiszapfen löste und ihn direkt am Kopf traf. Er sackte, nach eigener Erinnerung nur für wenige Sekunden, zusammen, stand dann, benommen, aber scheinbar orientiert, wieder auf und wollte zunächst, wie er mir später erzählte, „das Ganze einfach abschütteln und zur Arbeit fahren”, eine Reaktion, die bei Kopfverletzungen, wie ich aus Erfahrung weiß, gefährlich häufig vorkommt.
Die Wendung
Erst seine Nachbarin, die den Vorfall vom Fenster aus beobachtet hatte, überzeugte ihn, sich doch in unserer Notaufnahme untersuchen zu lassen, eine Entscheidung, die sich als entscheidend herausstellen sollte. Die Bildgebung zeigte, entgegen dem zunächst harmlos wirkenden äußeren Erscheinungsbild der Verletzung, einen Schädelbruch mit einer kleinen, aber potenziell gefährlichen Einblutung darunter, eine Konstellation, die ohne die konsequente ärztliche Abklärung in den folgenden Stunden hätte lebensbedrohlich werden können, da sich solche Einblutungen mitunter erst zeitversetzt vergrößern. Ich erklärte T.O., dessen anfänglicher Optimismus einer sichtbaren Verunsicherung wich, dass wir ihn zur engmaschigen Überwachung stationär aufnehmen mussten, auch wenn eine unmittelbare Operation zu diesem Zeitpunkt noch nicht notwendig war.
Die Rettung
In den folgenden achtundvierzig Stunden überwachten wir T.O.s neurologischen Zustand engmaschig, mit wiederholten Bildgebungskontrollen, um ein mögliches Wachstum der Einblutung frühzeitig zu erkennen. Am zweiten Tag zeigte eine Kontrollaufnahme tatsächlich eine geringfügige Größenzunahme, die uns dazu bewegte, vorsorglich eine kleine operative Entlastung durchzuführen, um einer weiteren, potenziell gefährlicheren Entwicklung zuvorzukommen. Der Eingriff selbst verlief unkompliziert, gerade weil wir durch die konsequente vorherige Überwachung genau im richtigen Moment eingriffen, bevor sich eine echte Notfallsituation hätte entwickeln können.
Der Weg zurück
T.O. erholte sich vollständig, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung, und verließ die Klinik nach knapp zwei Wochen. Er ließ, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin mit einem verlegenen Lächeln erzählte, noch im selben Winter eine spezielle Dachrinnenheizung installieren, „damit mir so etwas kein zweites Mal passiert”, und schickte mir, zur folgenden Weihnachtszeit, eine kleine, humorvoll gemeinte Grußkarte mit einem gezeichneten Eiszapfen darauf, versehen mit einem durchgestrichenen Verbotsschild.
Die Nachwirkung
T.O.s Fall gehört zu jenen Geschichten, die mich daran erinnern, wie sehr unser aller Neigung, eine Verletzung, die sich zunächst harmlos anfühlt, herunterzuspielen, im Widerspruch zu dem stehen kann, was tatsächlich in unserem Körper vor sich geht. Ich nutze diesen Fall seither regelmäßig in Aufklärungsgesprächen mit Patienten nach vermeintlich leichten Kopfverletzungen, um zu verdeutlichen, warum eine ärztliche Abklärung selbst dann sinnvoll ist, wenn man sich, wie T.O. es zunächst tat, eigentlich wieder gut genug fühlt, um zur Arbeit zu fahren. Besonders eindrücklich finde ich daran bis heute, dass es am Ende nicht T.O.s eigene Einschätzung war, die sein Leben rettete, sondern der aufmerksame Blick einer Nachbarin, die zufällig aus dem Fenster sah, eine Erinnerung daran, wie viel wir im Ernstfall den wachsamen Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung verdanken, mehr, als uns oft bewusst ist.
Ich lächle, während ich die kleine Weihnachtskarte mit dem durchgestrichenen Eiszapfen betrachte, bevor ich sie zurück in den Kasten lege. Draußen hat es, passend zur Erinnerung, gerade zu schneien begonnen, die ersten Flocken des Jahres, die sich lautlos vor dem dunklen Fenster sammeln und sich, im schwachen Licht der Kaminglut betrachtet, fast wie kleine, treibende Karteikarten ausnehmen, während ich mich der nächsten, tatsächlichen Karte zuwende.
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