Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Eiskletterer
Karteikarte Nr. 054 — Datum: strenger Winter, an einem zugefrorenen Wasserfall. Kürzel: L.M., 31 J., Eiskletterer. Stichwort: Sturz beim Eisklettern, brechendes Eis, Wirbelsäulenverletzung in extremer Kälte. Notiz: ein kleines Stück des gebrochenen Eisstücks, das L.M., in einem Gefrierbeutel konserviert, mir als ungewöhnliches Andenken überreichte.
Der Fall
L.M. war einunddreißig, erfahrener Eiskletterer, der einen zugefrorenen, mehrere Meter hohen Wasserfall in unserer Region erklomm, als ein größeres Stück des vermeintlich stabilen Eises unter seinem Eispickel unerwartet brach und ihn mehrere Meter abstürzen ließ. Er erlitt beim harten Aufprall auf dem felsigen, teilweise vereisten Untergrund einen Wirbelbruch, eine Situation, die durch die extreme Kälte und die Abgeschiedenheit des Kletterortes zusätzlich erschwert wurde, da eine rasche Unterkühlung neben seiner eigentlichen Verletzung eine ernsthafte zusätzliche Gefahr darstellte.
Die Wendung
Sein Kletterpartner, der den Sturz aus nächster Nähe miterlebte, alarmierte umgehend die Bergrettung und begann gleichzeitig, L.M. mit den verfügbaren Ausrüstungsgegenständen bestmöglich vor weiterer Auskühlung zu schützen, eine improvisierte, aber wirkungsvolle Erstversorgung, die, wie mir die Bergrettung später bestätigte, maßgeblich zu L.M.s stabilem Zustand bei ihrem Eintreffen beitrug. Ich stand, während der Vorbereitung seiner Aufnahme, vor der doppelten Herausforderung, sowohl seine Wirbelsäulenverletzung als auch eine bereits einsetzende, leichte Unterkühlung angemessen zu berücksichtigen.
Die Rettung
Wir stabilisierten zunächst L.M.s Körpertemperatur, bevor eine Operation seiner Wirbelsäulenverletzung sicher durchführbar war, eine Vorgehensweise, die eine enge Abstimmung zwischen mir und unseren internistischen Kollegen erforderte, ähnlich wie bei anderen kombinierten Kälte- und Verletzungsfällen, die ich in diesem Archiv bereits beschrieben habe. Sobald seine Körpertemperatur einen sicheren Bereich erreicht hatte, operierten wir ihn, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne weitere Komplikationen verlief.
Der Weg zurück
L.M. erholte sich gut von seiner Operation, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung, und kehrte, nach sorgfältiger Rehabilitation, im folgenden Winter tatsächlich zum Eisklettern zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „mit einer deutlich gründlicheren Einschätzung der Eisqualität, bevor ich mein Gewicht daraufsetze.” Er brachte mir ein kleines, in einem Gefrierbeutel konserviertes Stück jenes gebrochenen Eises mit, das er, wie er scherzhaft anmerkte, „extra für mich im Tiefkühlfach aufbewahrt” hatte.
Die Nachwirkung
L.M.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie sehr extreme klimatische Bedingungen die Behandlung einer Verletzung zusätzlich erschweren können, und wie wertvoll eine kompetente, improvisierte Erstversorgung durch einen gut vorbereiteten Begleiter sein kann, bevor professionelle Hilfe überhaupt eintrifft. Ich habe, seit diesem Fall, mit besonderem Interesse die Grundlagen der Kälteschutz-Erstversorgung studiert, ein Thema, das mir zuvor nur am Rande begegnet war, das mich aber, angesichts L.M.s glimpflichem Ausgang trotz widrigster Bedingungen, seither fasziniert, weil es eindrücklich zeigt, wie entscheidend die ersten, oft improvisierten Minuten nach einem Unfall für den gesamten weiteren Behandlungsverlauf sein können.
Ich habe L.M.s Kletterpartner, dessen besonnenes, kompetentes Handeln zweifellos zu L.M.s guter Prognose beitrug, bei einem späteren Treffen persönlich kennengelernt und ihm für seine vorbildliche Reaktion gedankt, eine Anerkennung, die er, mit bescheidener Zurückhaltung, als „das Selbstverständlichste der Welt unter Kletterpartnern” bezeichnete. Diese Selbstverständlichkeit gegenseitiger Fürsorge unter Extremsportlern, die sich in einer solchen Notsituation bewährt, hat mich seither immer wieder beeindruckt, ähnlich wie bei anderen Fällen kollegialer oder freundschaftlicher Solidarität, die ich in diesem Archiv bereits festgehalten habe.
Ich denke, wenn ich das kleine, tiefgefrorene Eisstück in unserem Klinikgefrierschrank betrachte, oft an die eigentümliche Schönheit erinnert, die L.M. mir von seinem gefährlichen Sport beschrieb, das gleißende Blau des Eises im Winterlicht, die absolute Stille an jenem zugefrorenen Wasserfall, eine Schönheit, die seinen Sturz und seine anschließende, schwere Verletzung keineswegs aufwiegt, die mir aber half, seine tiefe, anhaltende Leidenschaft für diesen ungewöhnlichen Sport besser zu verstehen.
Ich bewahre das kleine, tiefgefrorene Eisstück in unserem Klinikgefrierschrank auf, ein ungewöhnliches, aber liebevoll gemeintes Erinnerungsstück, und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten.
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