Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre

Der Eisfischer

Karteikarte Nr. 150 — Datum: strenger Winter, zugefrorener Nebensee. Kürzel: G.T., 62 J., leidenschaftlicher Eisfischer. Stichwort: Einbruch ins Eis, Sturz auf den harten Untergrund beim Herausklettern, Wirbelsäulenverletzung kombiniert mit beginnender Unterkühlung. Notiz: eine kleine, selbstgebundene Eisangel, “die mich fast das Leben gekostet hätte”.

Der Fall

G.T. war zweiundsechzig, seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Eisfischer, der die zugefrorenen Nebenseen unserer Region in jedem strengen Winter regelmäßig aufsuchte, als das Eis an einer Stelle, die er selbst als sicher eingeschätzt hatte, unerwartet nachgab und er teilweise ins eiskalte Wasser einbrach. Beim verzweifelten Versuch, sich selbst aus dem Wasser zu ziehen, rutschte er auf dem glatten, harten Eis erneut aus und schlug hart auf, wodurch er sich, zusätzlich zur bereits einsetzenden Unterkühlung, eine Wirbelsäulenverletzung zuzog.

Die Wendung

Ein anderer Eisfischer, der die Szene aus einiger Entfernung beobachtete, alarmierte sofort den Rettungsdienst und näherte sich G.T. vorsichtig, um eine weitere Gefährdung durch das möglicherweise noch immer instabile Eis zu vermeiden. Als G.T. schließlich, mit vereinten Kräften mehrerer Rettungskräfte, geborgen wurde, zeigte er sowohl eine deutliche Unterkühlung als auch Anzeichen einer möglichen Wirbelsäulenverletzung, eine Kombination, die eine sorgfältige, priorisierte medizinische Versorgung erforderlich machte, ähnlich wie bei anderen kombinierten Fällen, die ich bereits beschrieben habe.

Die Rettung

Wir stabilisierten zunächst G.T.s Körpertemperatur, bevor eine Operation seiner Wirbelsäulenverletzung sicher durchführbar war, eine Vorgehensweise, die eine enge Abstimmung zwischen mir und unseren internistischen Kollegen erforderte. Sobald seine Körpertemperatur einen sicheren Bereich erreicht hatte, operierten wir ihn, eine Stabilisierung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts, die ohne weitere Komplikationen verlief.

Der Weg zurück

G.T. erholte sich gut von seiner Operation, ohne bleibende neurologische Beeinträchtigung. Er kehrte, im folgenden Winter, tatsächlich zum Eisfischen zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „nur noch mit einem Eisprüfstab und deutlich mehr Respekt vor der Dicke des Eises, egal wie sicher es aussieht.” Er brachte mir seine selbstgebundene Eisangel mit, die er bei jenem Vorfall verloren und später wiedergefunden hatte als Erinnerung an seinen „gefährlichsten Fang aller Zeiten, der am Ende ich selbst war.”

Die Nachwirkung

G.T.s Fall hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie trügerisch die eigene Erfahrung bei der Einschätzung vermeintlich bekannter Risiken sein kann, gerade bei Aktivitäten, die über Jahrzehnte routinemäßig und scheinbar sicher ausgeübt wurden. Ich habe seither, in Gesprächen mit anderen Patienten mit ähnlichen winterlichen Freizeitaktivitäten, verstärkt auf die Bedeutung objektiver Sicherheitsmessungen hingewiesen, unabhängig von der eigenen, subjektiven Erfahrung. Ich habe, gemeinsam mit der örtlichen Wasserrettung, auch an einer kleinen Informationskampagne für Eisfischer unserer Region mitgewirkt, in der wir, anhand anonymisierter Fälle wie dem von G.T., die Gefahren scheinbar sicheren Eises anschaulich erläutern, eine Initiative, die mir seither am Herzen liegt.

Besonders eindrücklich blieb mir G.T.s eigene, nüchterne Einschätzung seines Fehlers in Erinnerung: „Ich dachte, weil ich diese Stelle seit dreißig Jahren kenne, wüsste ich auch, wie dick das Eis dort ist. Aber das Eis kennt mich nicht, und es hält sich nicht an meine Erfahrung.” Diese schlichte, aber tiefgründige Erkenntnis hat mich seither auch außerhalb des unmittelbaren medizinischen Kontexts begleitet, als Erinnerung daran, wie trügerisch Routine und langjährige Erfahrung sein können, wenn sich die zugrundeliegenden Bedingungen, unbemerkt von uns, tatsächlich verändert haben, sei es beim Eisfischen oder in ganz anderen Lebensbereichen.

Der andere Eisfischer, der G.T. an jenem Tag zu Hilfe kam, wurde später von der örtlichen Wasserrettung für sein besonnenes, lebensrettendes Handeln offiziell gewürdigt, eine Anerkennung, die ich, als ich davon erfuhr, aus vollem Herzen für verdient hielt, ähnlich wie bei anderen stillen Helfern, deren Geschichten ich in diesem Archiv bereits festgehalten habe.

Ich betrachte die kleine, selbstgebundene Eisangel, bevor ich sie zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

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