Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Einhandsegler
Karteikarte Nr. 057 — Datum: Spätsommer, während eines unerwarteten Sturms auf dem See. Kürzel: K.R., 57 J. Stichwort: Kentern eines kleinen Segelboots bei einem plötzlichen Sturm, Sturz gegen den Mast, Wirbelsäulenverletzung mitten auf dem offenen Wasser. Notiz: ein kleines Stück des zerrissenen Segels, das K.R. mir als Andenken überreichte.
Der Fall
K.R. war siebenundfünfzig Jahre alt, erfahrener, leidenschaftlicher Einhandsegler, der regelmäßig allein mit seinem kleinen Boot über unseren See fuhr, als ihn, weitab vom sicheren Ufer, ein plötzlicher, heftiger Sturm überraschte, der sein Boot zum Kentern brachte und ihn dabei hart gegen den eigenen Mast schleuderte. K.R. erlitt einen Wirbelbruch und musste sich, verletzt und im aufgewühlten, kalten Wasser treibend, mit letzter Kraft an seinem gekenterten Boot festhalten, bis die alarmierte Wasserrettung ihn nach mehreren langen, angespannten Minuten erreichte.
Die Wendung
K.R. hatte, wie er mir später erzählte, in jenen Minuten des Wartens, trotz seiner erheblichen Schmerzen, bewusst jede unnötige Bewegung vermieden, um seine eigene Auskühlung zu verlangsamen und gleichzeitig sein Boot als sichtbares Erkennungszeichen für die Rettungskräfte zu nutzen, eine besonnene, überlegte Reaktion, die mich an andere Patienten mit bemerkenswerter innerer Ruhe in extremen Notsituationen erinnerte, deren Geschichten ich bereits in diesem Archiv festgehalten habe.
Die Rettung
Als K.R. schließlich in unserer Klinik eintraf, bestätigte die Bildgebung einen behandlungsbedürftigen Wirbelbruch, den ich noch in derselben Nacht operierte, eine Stabilisierung, die ohne Komplikationen verlief. Ich musste zusätzlich seine leichte Unterkühlung berücksichtigen, die durch die Zeit im kalten Wasser verursacht worden war, eine Kombination aus Verletzung und Auskühlung, die eine sorgfältig abgestimmte Behandlung beider Aspekte erforderte.
Der Weg zurück
K.R. erholte sich gut und vollständig von seiner Operation, und nach sorgfältiger Rehabilitation kehrte er, im folgenden Sommer, zu seinem geliebten Einhandsegeln zurück, allerdings, wie er mir bei seinem letzten Kontrolltermin versicherte, „nunmehr stets mit einem wasserdichten Funkgerät und einer deutlich aufmerksameren Beobachtung des Wetterberichts.” Er brachte mir ein kleines Stück des zerrissenen Segels mit, das die Wasserrettung nach dem Vorfall geborgen hatte.
Die Nachwirkung
K.R.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie schnell sich das Wetter auf unserem See verändern kann, und wie wichtig eine besonnene, überlegte Reaktion in einer akuten Notsituation für den Ausgang einer Rettung sein kann, selbst wenn die betroffene Person selbst schwer verletzt ist. Ich habe, seit diesem Fall, mit besonderem Interesse die psychologischen Mechanismen studiert, die manchen Menschen, wie K.R., erlauben, selbst unter extremem körperlichem und emotionalem Stress einen klaren, überlegten Kopf zu bewahren, während andere in vergleichbaren Situationen von Panik überwältigt werden, ein Thema, das mich, angesichts der zahlreichen ähnlich gelagerten Fälle in diesem Archiv, seit Langem beschäftigt.
Ich habe K.R. später gefragt, woher er in jenen kritischen Minuten seine bemerkenswerte Fassung genommen habe, und er antwortete mir, dass er sich, während er im kalten Wasser ausharrte, bewusst auf seine eigene Atmung konzentriert habe, eine einfache, aber wirkungsvolle Technik, die er sich über Jahrzehnte des Segelns angeeignet hatte, um auch in stürmischen, gefährlichen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Diese erlernte, trainierte Gelassenheit hat mich, angesichts der Lebensbedrohlichkeit seiner Situation, tief beeindruckt und mich einmal mehr daran erinnert, wie sehr sich innere Ruhe unter extremem Druck offenbar tatsächlich trainieren lässt, eine Erkenntnis, die ich seither auch in meinen eigenen, gelegentlichen Gesprächen mit ängstlichen Patienten vor größeren Eingriffen weiterzugeben versuche.
Die Wasserrettung, die K.R. schließlich barg, würdigte später öffentlich seine besonnene Reaktion als vorbildliches Beispiel dafür, wie sich die Überlebenschancen in einer solchen Notsituation durch überlegtes, ruhiges Handeln erheblich verbessern lassen.
Ich lege das kleine Stück Segeltuch sorgfältig zu meinen anderen Erinnerungsstücken und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."