Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Buchbinder

Karteikarte Nr. 065 — Datum: mitten in der Restaurierung eines jahrhundertealten Folianten. Kürzel: G.W., 59 J., Buchbindermeister. Stichwort: Nervenschädigung an der Hand, Bedrohung der für die Restaurierung alter Bücher notwendigen extremen Feinmotorik. Notiz: ein kleines, handgebundenes Notizbuch, das G.W. mir eigens anfertigte.

Der Fall

G.W. war neunundfünfzig Jahre alt, Buchbindermeister mit einer auf historische Restaurierung spezialisierten Werkstatt, mitten in der monatelangen Restaurierung eines jahrhundertealten, kunsthistorisch bedeutsamen Folianten, als eine Nervenschädigung in seiner rechten Hand, verursacht durch eine Verengung im Bereich seiner Halswirbelsäule, seine für das präzise Nähen und Kleben fragiler alter Bucheinbände unverzichtbare Feinmotorik erheblich beeinträchtigte. „Ein einziger unruhiger Handgriff kann ein Jahrhunderte altes Dokument unwiederbringlich beschädigen”, erklärte er mir, mit einem Ernst, der mich an andere Patienten mit ähnlich hochpräzisen beruflichen Anforderungen erinnerte, deren Geschichten ich bereits in diesem Archiv festgehalten habe.

Die Wendung

Ich verstand rasch, dass G.W.s Handwerk auf einer außergewöhnlichen, über Jahrzehnte trainierten Kombination aus Kraft und Feingefühl beruhte, notwendig, um sowohl brüchiges altes Papier als auch widerstandsfähigeres modernes Bindematerial angemessen zu bearbeiten. Die Bildgebung zeigte eine deutliche Nervenkompression, die eine operative Entlastung nahelegte, wobei die besondere Herausforderung, ähnlich wie bei anderen Patienten mit hochspezifischen feinmotorischen Anforderungen, in der bestmöglichen Schonung genau jener sensiblen Nervenbahnen lag, die für seine präzise Werkzeugführung entscheidend waren.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Entlastung des betroffenen Nervs, verlief ohne Komplikationen. Ich besprach mit G.W. im Anschluss einen sorgfältig gestuften Rehabilitationsplan, der zunächst einfache Greifübungen umfasste, bevor er sich, unter fachlicher Anleitung, wieder an die filigranen Arbeiten an jenem historischen Folianten wagte, ein schrittweises Vorgehen, das ihm die notwendige Sicherheit für die Vollendung dieses bedeutsamen Restaurierungsprojekts zurückgeben sollte.

Der Weg zurück

G.W. arbeitete mit bemerkenswerter, unermüdlicher Geduld an seiner Genesung, testete seine wiedergewonnene Präzision zunächst an weniger kritischen Übungsmaterialien, bevor er sich, nach mehreren Wochen, dem eigentlichen, jahrhundertealten Originaldokument widmete. Er konnte, wenn auch mit einiger Verzögerung, die Restaurierung schließlich erfolgreich abschließen, und er fertigte mir, aus Dankbarkeit, ein kleines, handgebundenes Notizbuch an, das ich seither für meine eigenen Aufzeichnungen verwende.

Die Nachwirkung

G.W.s Fall hat mir noch einmal eindrücklich gezeigt, wie viel Verantwortung mancher Handwerker für den Erhalt unseres schriftlichen kulturellen Erbes trägt, und wie sehr diese Verantwortung von einer körperlichen Präzision abhängt, die leicht als selbstverständlich hingenommen wird, bis sie durch eine medizinische Beeinträchtigung plötzlich bedroht ist. Ich habe, seit diesem Fall, ein besonderes Interesse an der Geschichte der Buchbindekunst entwickelt, einem Handwerk, das über Jahrhunderte hinweg maßgeblich dazu beitrug, dass schriftliches Wissen überhaupt bis in unsere Gegenwart überdauern konnte, eine kulturelle Bedeutung, die mir, als Autor selbst, vor diesem Fall nie in dieser Klarheit bewusst gewesen war.

G.W. lud mich, nach Abschluss der Restaurierung, zu einer privaten Besichtigung seiner Werkstatt ein, bei der er mir, mit sichtlichem Stolz, seine verschiedenen historischen Werkzeuge und Materialien zeigte, von speziellen Ledersorten bis zu jahrhundertealten Nähtechniken, die er, wie er mir erklärte, größtenteils autodidaktisch aus alten Fachbüchern und der praktischen Anleitung seines eigenen Lehrmeisters erlernt hatte. Ich verstand, während dieser Führung, noch besser als durch jedes unserer vorangegangenen Gespräche, welch enorme Geduld und Sorgfalt in jedem einzelnen restaurierten Buch steckt, das seine Werkstatt verlässt.

Ich verwende das kleine, handgebundene Notizbuch, das G.W. mir schenkte, seither für meine eigenen, persönlichen Aufzeichnungen zu diesem dritten Band, eine besondere Freude, jedes Mal, wenn ich es aufschlage, an die Geschichte seiner Entstehung erinnert zu werden, eine kleine, aber bedeutsame Verbindung zwischen meinem eigenen schriftstellerischen Handwerk und dem seinen, dass die physischen Träger unserer gemeinsamen Kultur bewahrt.

Ich betrachte das kleine, handgebundene Notizbuch, das G.W. mir liebevoll schenkte, bevor ich die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

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