Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Brief, der alles zusammenfügte

Karteikarte Nr. 023 — Datum: Frühling, ein Jahr nach Beginn dieses Bandes. Kürzel: dieselbe Leserin, die mich mit ihrem Brief zu diesem dritten Band bewegt hatte. Stichwort: ein zweiter Brief, der eine unerwartete Verbindung zu einem Fall aus diesem Buch offenbarte. Notiz am Rand: “Manchmal schließt sich ein Kreis auf eine Weise, die selbst ich mir nicht hätte ausdenken können.”

Der Fall

Gegen Ende meiner Arbeit an diesem dritten Band erreichte mich, zu meiner großen Überraschung, ein zweiter Brief derselben Leserin, deren erste Nachricht mich, wie ich zu Beginn dieses Buches erzählt habe, überhaupt erst dazu bewegt hatte, den Karteikasten erneut zu öffnen. Sie schrieb mir, dass sie, bei der aufmerksamen Lektüre der bereits veröffentlichten Blogauszüge dieses Bandes auf artadoro.com, eine Geschichte wiedererkannt habe, die sie auf eine Weise berührte, die sie selbst zunächst nicht hatte einordnen können.

Die Wendung

Es stellte sich, in ihrem ausführlichen, bewegenden Brief heraus, dass sie selbst, unter einem anderen Namen, mit jener Patientin identisch war, deren Geschichte ich in einem früheren Kapitel dieses Bandes bereits erzählt hatte, eine Frau, die ich Jahre zuvor wegen einer schweren Wirbelsäulenverletzung behandelt hatte und deren weiteren Lebensweg ich, wie bei so vielen meiner ehemaligen Patienten, nach ihrer Entlassung aus den Augen verloren hatte.

Sie hatte, wie sie mir schrieb, ihren ersten Brief an mich verfasst, ohne selbst zu ahnen, dass ich, kurz darauf, ausgerechnet ihre eigene, Jahre zurückliegende Geschichte in genau diesem neuen Band erneut aufgreifen würde.

Die Rettung

Diese Karte trägt, im eigentlichen Sinne dieses Archivs, keinen neuen medizinischen Fall, sondern die Auflösung eines Kreises, der sich über Jahre und, wie es sich nun zeigte, über zwei getrennte Kapitel meines eigenen Buches gespannt hatte. Ich saß, nach dem Lesen ihres zweiten Briefes, für lange Zeit einfach nur da, unfähig, die schiere Unwahrscheinlichkeit dieser Fügung vollständig zu begreifen: Dieselbe Frau, deren Brief mich zu diesem Band bewegt hatte, war, ohne es selbst zu wissen, auch die Protagonistin einer seiner Geschichten.

Der Weg zurück

Ich kontaktierte sie, mit ihrer ausdrücklichen Erlaubnis, direkt, und wir führten, in den folgenden Wochen, einen ausführlichen, tief bewegenden Briefwechsel, in dem sich beide Fäden unserer Geschichte, der ihrer medizinischen Behandlung und der ihres Leserbriefs, endlich zu einem vollständigen Bild zusammenfügten. Sie erzählte mir, mit einer Offenheit, die mich zutiefst berührte, wie sehr ihre eigene Genesung, Jahre zuvor, ihr gesamtes weiteres Leben geprägt hatte, und wie viel es ihr bedeutete, diese Geschichte nun, in meinem Buch, auch anderen Lesern zugänglich gemacht zu wissen.

Die Nachwirkung

Diese außergewöhnliche Fügung hat mich, mehr als jede andere Erfahrung während der Arbeit an diesem Band, daran erinnert, wie eng die vielen Fäden eines langen, öffentlich geführten Lebens miteinander verwoben sein können, auf eine Weise, die selbst ich, nach Jahrzehnten des Erzählens solcher Geschichten, kaum für möglich gehalten hätte. Ich habe, seit dieser Entdeckung, noch einmal neu darüber nachgedacht, wie viele weitere, mir selbst unbekannte Verbindungen wohl zwischen den einzelnen Karten meines Archivs bestehen mögen, unsichtbar, bis der Zufall, wie in diesem einen Fall, sie ans Licht bringt.

Ich habe der Leserin, mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung, versprochen, diese besondere Geschichte in mein Archiv aufzunehmen, nicht als weitere medizinische Fallgeschichte, sondern als stilles Zeugnis dafür, wie sehr das Schreiben und das Heilen, meine beiden Lebenswege, letztlich untrennbar miteinander verbunden sind. Ich denke, während ich diese Zeilen schreibe, mit besonderer Wärme an sie zurück, und hoffe, dass auch sie, beim Lesen dieser letzten Karte, dieselbe stille Freude über diesen ungewöhnlichen Kreis empfinden wird, die auch mich in diesem Moment erfüllt.

Ich lege diese letzte, besondere Karte zurück in den Kasten und spüre, wie sich der Kreis dieses dritten Bandes auf eine Weise schließt, die mich mit tiefer, stiller Dankbarkeit erfüllt.

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