Internationale Kollegen, internationale Zufälle · 3 min Lektüre
Der Brief
Karteikarte Nr. 001 (Band 3) — Datum: ein gewöhnlicher Dienstagmorgen, gut ein Jahr nach Erscheinen von Band 2. Kürzel: keines. Notiz: ein handgeschriebener Brief, unterschrieben nur mit einem Vornamen, “weil Sie so etwas mögen, wie ich inzwischen weiß”.
Der Brief liegt, zusammen mit der übrigen Post, seit dem Vormittag auf dem kleinen Beistelltisch neben der Eingangstür, und ich habe ihn, wie es meine Gewohnheit inzwischen geworden ist, bewusst bis zum Abend liegen lassen, ungeöffnet, während ich mich um die gewöhnlichen Aufgaben eines Tages kümmerte, ein paar Korrespondenzen für den Verlag, ein Telefonat mit meiner Lektorin, ein kurzer Spaziergang am See, dessen Wasser sich, in der milden Nachmittagssonne, in einem Blauton zeigte, den ich nach all den Jahren immer noch nicht müde geworden bin zu betrachten.
Es ist nun gut ein Jahr her, dass ich die letzte Karte von Band 2 beschriftete, jene drei Worte, “Es geht weiter”, die ich mir selbst als Erinnerung notierte, ohne zu wissen, wann genau ich sie würde einlösen können. Der Kasten stand seither, geschlossen, an seinem angestammten Platz im Regal, während ich mich anderen Projekten widmete, einem neuen Band der “Wissen ist Macht”-Reihe, einigen Übersetzungs-arbeiten, den gewöhnlichen Verpflichtungen eines Verlegers, der, wie ich mir selbst manchmal eingestehen muss, sein eigenes Pensum nur selten kleiner werden lässt.
Der Brief, den ich nun, nach dem Abendessen, bei einem Glas Wein am Kamin endlich öffne, stammt von einer Leserin, die sich, wie sie selbst schreibt, „nicht traut, ihren vollständigen Namen zu nennen, weil ich weiß, dass Sie das ohnehin nicht erwarten.” Sie erzählt, in einer klaren, beinahe altmodisch anmutenden Handschrift, von ihrem eigenen Vater, der vor vielen Jahren an einer Wirbelsäulenerkrankung litt, die ihn zeitweise fast vollständig ans Bett fesselte, und wie sehr ihr die Geschichten aus beiden Bänden meines Archivs geholfen hätten, die damalige Angst ihrer Familie im Rückblick besser zu verstehen. Am Ende ihres Briefes stellt sie eine einzige, direkte Frage: „Gibt es noch mehr Karten in Ihrem Kasten, Herr Professor? Ich hoffe es sehr.”
Ich lege den Brief, nach dem zweiten Lesen, auf den Tisch neben mein Weinglas und spüre, wie sich etwas in mir regt, dass ich in den vergangenen Monaten, bei all den anderen Verpflichtungen, ein wenig aus den Augen verloren hatte. Meine Frau, die im Nebenzimmer, wie so oft, am Klavier sitzt, hat aufgehört zu spielen, offenbar von der ungewohnten Stille in meinem Arbeitszimmer aufmerksam geworden, und tritt, mit einem fragenden Blick, in der Tür meines Arbeitszimmers auf.
„Ein Brief”, sage ich, und reiche ihn ihr wortlos. Sie liest, mit der gleichen Aufmerksamkeit, die sie all den Jahren über jedem meiner Manuskripte entgegengebracht hat, und als sie fertig ist, sieht sie mich mit jenem Lächeln an, das ich inzwischen sehr genau zu deuten weiß. „Du fängst wieder an”, sagt sie, diesmal nicht als Frage, sondern, wie schon einmal zuvor, als ruhige, wissende Feststellung.
Ich stehe auf, gehe zu dem grauen Karteikasten im Regal, der seit über einem Jahr unberührt geblieben ist, und öffne ihn zum ersten Mal seit jenem letzten Abend, an dem ich Band 2 beendete. Die letzte Karte, mit den drei Worten „Es geht weiter” beschriftet, liegt noch genau dort, wo ich sie hinterlassen hatte. Ich nehme sie heraus, lege eine neue, unbeschriebene Karte davor, und beginne, mit einer Vorfreude, die mich selbst ein wenig überrascht, den dritten Band dieser Reihe.
[Wahre Geschichten. Das Archiv des Wunders KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.]Draußen ist es, während ich diese ersten Zeilen schreibe, noch nicht ganz dunkel, ein letzter, rötlicher Schimmer liegt über den Bergen jenseits des Sees. Ich fülle mein Glas noch einmal, höre, wie meine Frau im Nebenzimmer wieder zu spielen beginnt, diesmal ein Stück, das ich seit unseren ersten gemeinsamen Jahren kenne, und beginne, Karte für Karte, von Neuem zu erzählen.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."