Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Blindenstock

Karteikarte Nr. 143 — Datum: Frühjahr. Kürzel: L.F., 36 J., von Geburt an blind. Stichwort: Bandscheibenvorfall mit Beeinträchtigung der Armfunktion, Bedrohung der für die Orientierung mit dem Blindenstock notwendigen taktilen Präzision. Notiz: ein kleines Stück des ursprünglichen Blindenstocks, “der mich durch mein ganzes Leben führte”.

Der Fall

L.F. war sechsunddreißig Jahre alt, von Geburt an vollständig blind, seit ihrer frühen Kindheit auf einen Blindenstock zur eigenständigen Orientierung angewiesen, als ein Bandscheibenvorfall im Bereich ihrer Halswirbelsäule eine Nervenschädigung in einem Arm verursachte, die ihre gewohnte, hochpräzise Stockführung erheblich beeinträchtigte. Für sehende Menschen ist eine solche Einschränkung eine spürbare, aber meist kompensierbare Beeinträchtigung. Für L.F. bedeutete sie eine unmittelbare Bedrohung ihrer

eigenständigen Mobilität, da die feine, taktile Rückmeldung ihres Stocks, wie sie mir eindrücklich erklärte, „mein wichtigstes Sinnesorgan für alles ist, was ich nicht sehen kann.”

Die Wendung

Ich verstand rasch, dass L.F.s Situation eine besondere Sensibilität erforderte, weil die betroffene Armfunktion für sie nicht nur eine von vielen Fähigkeiten war, sondern die zentrale Grundlage ihrer gesamten selbstständigen Lebensführung. Die Bildgebung zeigte eine deutliche Nervenkompression, die eine operative Entlastung nahelegte, und ich ließ mir von L.F. ausführlich die genaue Technik ihrer Stockführung beschreiben, die feinen Bewegungen des Handgelenks, mit denen sie Bodenbeschaffenheit und Hindernisse ertastete, um die Operation gezielt auf den Erhalt genau dieser Funktion auszurichten.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Entlastung des betroffenen Nervs, verlief ohne Komplikationen. Ich besprach mit L.F. im Anschluss einen speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Rehabilitationsplan, der in enger Zusammenarbeit mit einer auf die Mobilitätsrehabilitation blinder Menschen spezialisierten Fachkraft entwickelt wurde, eine Zusammenarbeit, die mir eine neue, mir zuvor kaum bekannte Perspektive auf die hochkomplexen Anforderungen selbstständiger Mobilität ohne Augenlicht eröffnete.

Der Weg zurück

L.F. arbeitete mit großer Disziplin und bemerkenswerter Geduld an ihrer Genesung, übte zunächst in einer sicheren, vertrauten Umgebung, bevor sie sich schrittweise wieder an komplexere, belebtere Wegstrecken wagte. Nach einigen Monaten hatte sie ihre gewohnte Präzision und Sicherheit in der Stockführung weitgehend und zuverlässig zurückgewonnen. Sie besuchte mich, bei ihrem letzten Kontrolltermin, mit einem kleinen Stück ihres ursprünglichen, inzwischen ausgedienten Blindenstocks im Gepäck, den sie durch einen neuen ersetzt hatte, und schenkte mir dieses Stück als, wie sie es ausdrückte, „ein Stück meiner eigenen Geschichte.”

Die Nachwirkung

L.F.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie unterschiedlich die Bedeutung einer bestimmten körperlichen Funktion je nach den individuellen Lebensumständen eines Menschen ausfallen kann, und wie wichtig es ist, sich diese Bedeutung genau erklären zu lassen, anstatt von einer allgemeinen Vorstellung von Funktionsverlust auszugehen. Ich habe seither, bei Patienten mit einer Sehbehinderung, noch bewusster nachgefragt, welche spezifischen Bewegungsabläufe für ihre eigenständige Mobilität entscheidend sind. Ich habe, im Zuge dieses Falls, auch begonnen, mich intensiver mit den Grundlagen der Mobilitätsrehabilitation blinder Menschen zu beschäftigen, ein Wissensgebiet, das in meiner eigenen neurochirurgischen Ausbildung nie eine Rolle gespielt hatte und das mir seither bei mehreren ähnlich gelagerten Fällen wertvolle zusätzliche Orientierung gegeben hat.

Besonders eindrücklich blieb mir L.F.s eigene Beschreibung jenes ersten Tages nach der Operation, an dem sie, noch unsicher, aber entschlossen, ihre ersten vorsichtigen Schritte mit dem Stock in unserem Klinikflur unternahm. „Es war, als würde die Welt langsam wieder ihre Konturen zurückbekommen”, sagte sie mir, eine Formulierung, die mich, obwohl ich selbst nie erfahren werde, wie sich diese besondere Form der Wahrnehmung tatsächlich anfühlt, tief beeindruckte und die mir noch einmal zeigte, wie viele unterschiedliche Weisen es gibt, die Welt um sich herum wahrzunehmen und sich in ihr sicher zu bewegen.

Ich betrachte das kleine Stück des alten Blindenstocks, bevor ich es sorgfältig zu meinen anderen Erinnerungsstücken lege und die nächste Karte aus dem Kasten ziehe.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."