Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Der Blick nach vorn
Ich lege die Karte der Frau ohne Vergangenheit beiseite, betrachte das Kaminfeuer, das in der vergangenen Stunde zu einem ruhigen, gleichmäßigen Glühen heruntergebrannt ist, und erlaube mir, statt einer weiteren Rückschau, für einen Moment einen Blick nach vorn.
Ich werde, während ich diese Zeilen sorgfältig schreibe, in wenigen Wochen einen runden Geburtstag begehen, eine jener Zahlen, die einen Menschen, ob er will oder nicht, zu einer gewissen Bestandsaufnahme des eigenen Lebens einlädt. Ich habe, in den vergangenen Tagen, häufiger als sonst über die kommenden Jahre nachgedacht, über die Frage, wie viele weitere Bände dieses Archivs ich wohl noch würde schreiben können, wie viele weitere Karten sich in meinem Kasten noch ansammeln würden, bevor auch meine eigene Geschichte, in welcher Form auch immer, ihren Abschluss finden würde.
Ich möchte an dieser Stelle offen gestehen, dass mich dieser Gedanke, anders als ich es vielleicht erwartet hätte, nicht mit Schwermut, sondern mit einer überraschenden, fast schon heiteren Gelassenheit erfüllt. Ich habe, in meinem bisherigen Leben, zwei vollständige berufliche Existenzen führen dürfen, eine als Chirurg, eine als Erzähler, jede für sich bereits erfüllender und reicher, als ich es mir als junger Mann, der noch nicht wusste, wohin sein Weg ihn führen würde, je hätte erträumen können. Ich empfinde, angesichts dieser großen Fülle, weniger die Angst vor einem endgültigen Abschluss als vielmehr eine tiefe, sehr beständige Dankbarkeit für alles, was mir bereits geschenkt wurde.
Meine Frau, mit der ich, in den vergangenen Wochen, mehrfach über diese Gedanken sprach, erinnerte mich daran, dass ich, jedes Mal, wenn ich am Ende eines Bandes dieses Archivs stand, überzeugt war, es könnte der letzte gewesen sein, nur um mich, Monate später, erneut an diesem Schreibtisch wiederzufinden, mit einer neuen, unerwarteten Fülle an Geschichten, die erzählt werden wollten. Sie hat, wie so oft, recht: Ich weiß, während ich diese Zeilen schreibe, nicht, ob dieser dritte Band mein letzter sein wird oder ob noch weitere folgen werden. Ich habe gelernt, mich dieser Ungewissheit nicht mehr zu widersetzen, sondern sie als festen, sogar willkommenen Bestandteil meines zweiten, schriftstellerischen Lebens zu akzeptieren.
Ich denke, wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, dass genau diese Offenheit, dieses bewusste Nicht-Wissen um die eigene Zukunft, mich all die Jahre über tatsächlich am Schreiben gehalten hat, weit mehr als jeder feste Plan es je vermocht hätte. Ich habe, in den vergangenen Wochen, auch begonnen, mir bewusster Gedanken über das zu machen, was von meinem Leben, über die konkreten Bücher hinaus, dauerhaft bleiben wird: die Erinnerung meiner Tochter an einen Vater, der sich ihr, spät, aber aufrichtig, in seiner vollen Komplexität geöffnet hat, die stille, tiefe Verbundenheit mit meiner Frau, die mich durch beide meiner beruflichen Existenzen getragen hat, und, vielleicht am wichtigsten, die vielen tausend Patienten, deren Leben ich über die Jahrzehnte, auf die eine oder andere Weise, berühren durfte, von denen die meisten mich, ohne es zu wissen, weit mehr geprägt haben als ich sie.
Ich habe meiner Tochter, bei unserem letzten gemeinsamen Gespräch über dieses Thema, gesagt, dass ich mir, sollte dieser dritte Band tatsächlich mein letzter sein, keinen besseren Abschluss meines schriftstellerischen Wirkens vorstellen könnte als genau diese ehrliche, offene Reihe von Geschichten, die mein gesamtes, doppeltes Leben in seiner vollen Bandbreite widerspiegeln. Sie erwiderte, mit einem Lächeln, das mich noch lange nach unserem Gespräch begleitete, dass sie fest davon überzeugt sei, dass es noch lange nicht mein letzter Band sein werde.
Ich greife, mit dieser stillen, versöhnlichen Gewissheit, nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, ohne zu wissen, ob sie eine der letzten oder erst eine von vielen weiteren sein wird, die noch folgen werden.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."