Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre

Der Bergführer, der seine Gruppe nicht verlassen wollte

Karteikarte Nr. 036 — Datum: Hochsommer, während einer geführten Gipfeltour. Kürzel: M.S., 52 J., staatlich geprüfter Bergführer. Stichwort: Sturz während des Abstiegs, Wirbelsäulenverletzung, Weigerung, seine Gruppe vor deren sicherem Abstieg zu verlassen. Notiz am Rand: “Manche Menschen stellen die Sicherheit anderer selbst dann noch vor die eigene, wenn sie es eigentlich nicht mehr dürften.”

Der Fall

M.S. war zweiundfünfzig Jahre alt, staatlich geprüfter Bergführer mit langjähriger, jahrzehntelanger Erfahrung, mitten im Abstieg einer anspruchsvollen Gipfeltour mit einer Gruppe von sechs Hobbybergsteigern, als er, beim Sichern eines besonders exponierten Wegabschnitts, selbst ausrutschte und mehrere Meter abstürzte. Er erlitt dabei einen Wirbelbruch, weigerte sich jedoch, trotz erheblicher Schmerzen und der dringenden Empfehlung seines eigenen Notfallwissens, sich sofort per Hubschrauber bergen zu lassen, bevor nicht seine gesamte Gruppe sicher an einer geschützten Stelle angelangt war.

Die Wendung

M.S. dirigierte, wie mir die alarmierte Bergrettung später berichtete, noch aus seiner verletzten Position heraus, mit bemerkenswerter Ruhe und Autorität, die letzten, technisch anspruchsvollen Schritte seiner Gruppe zu einer sicheren Position, bevor er selbst die eigene Bergung zuließ, eine Entscheidung, die ihn, wie die nachträgliche Untersuchung zeigte, einem zusätzlichen, vermeidbaren Risiko einer weiteren Verschlechterung seiner eigenen Verletzung aussetzte. „Meine Gruppe stand unter meiner Verantwortung, bis der letzte von ihnen sicher war”, erklärte er mir, mit einer Selbstverständlichkeit, die mich tief beeindruckte.

Die Rettung

Als M.S. schließlich in unserer Klinik eintraf, bestätigte die Bildgebung einen Wirbelbruch mit beginnender neurologischer Beeinträchtigung, den ich noch in derselben Nacht operierte, eine Stabilisierung und Entlastung, die glücklicherweise ohne bleibende Folgen jener verlängerten Wartezeit verlief. Ich musste M.S., während seiner Genesung, deutlich machen, wie riskant seine Entscheidung, die eigene Bergung zu verzögern, aus rein medizinischer Sicht tatsächlich gewesen war, ein Gespräch, das er mit stiller, aber unveränderter Überzeugung entgegennahm.

Der Weg zurück

M.S. erholte sich, entgegen der zusätzlichen Belastung durch die deutlich verzögerte Bergung, gut von seiner Operation, und alle sechs Mitglieder seiner dankbaren Gruppe besuchten ihn, gemeinsam, noch während seines Klinikaufenthalts, um sich persönlich und mit spürbarer Rührung für seine Führung in jenem kritischen Moment zu bedanken. Er kehrte, nach sorgfältiger Rehabilitation, zu seinem Beruf zurück, mit derselben unerschütterlichen Hingabe für die Sicherheit seiner jeweiligen Gruppen, die ihn all die Jahrzehnte über ausgezeichnet hatte.

Die Nachwirkung

M.S.s Fall hat mich tief beeindruckt, weil er mir eine Form der Verantwortungsübernahme zeigte, die selbst die eigene gesundheitliche Sicherheit zurückstellt, eine Haltung, die ich, aus rein medizinischer Sicht, nicht uneingeschränkt befürworten kann, die ich aber, als menschliche Geste, zutiefst respektiere. Ich habe, seit diesem Fall, in Gesprächen mit anderen Bergführern unserer Region festgestellt, dass M.S.s Haltung keineswegs eine Ausnahme darstellt, sondern in dieser Berufsgruppe einem tief verwurzelten, beinahe selbstverständlichen Ehrenkodex entspricht, der die Sicherheit der anvertrauten Gruppe grundsätzlich über die eigene stellt, ein Berufsethos, das mich, je mehr ich darüber erfuhr, mit wachsendem Respekt erfüllte.

Ich habe M.S. später gefragt, ob er, im Rückblick, angesichts des zusätzlichen medizinischen Risikos, das seine Entscheidung mit sich brachte, anders handeln würde, und er antwortete mir, ohne lange zu zögern, dass er genau dieselbe Entscheidung jederzeit wieder treffen würde. „Ich habe diese Menschen auf den Berg geführt, also musste ich sie auch sicher wieder herunterbringen, bevor ich an mich selbst denken konnte”, sagte er mir, ein Satz, der mich, angesichts der medizinischen Risiken, die er dafür in Kauf nahm, noch lange nach unserem Gespräch beschäftigte und mich einmal mehr daran erinnerte, wie unterschiedlich Menschen die Grenze zwischen Selbstfürsorge und Verantwortung für andere ziehen.

Ich lege M.S.s Karte sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie diesmal birgt.

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