Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Der Bademeister

Karteikarte Nr. 149 — Datum: Hochsommer, überfülltes Strandbad am Wörthersee. Kürzel: T.H., 34 J., Bademeister. Stichwort: Sprung ins zu flache Wasser bei der Rettung eines ertrinkenden Kindes, eigene Wirbelsäulenverletzung als Folge des Rettungssprungs. Notiz: ein Dankesbrief der geretteten Familie, gemeinsam mit einem Kinderzeichnung.

Der Fall

T.H. war vierunddreißig Jahre alt, seit über zehn Jahren erfahrener Bademeister an einem stark frequentierten Strandbad am Wörthersee, als er, bei einem plötzlichen Tumult im Wasser, ein untergehendes Kind bemerkte und sich, ohne zu zögern, von seinem erhöhten Beobachtungsposten aus kopfüber in das Wasser stürzte, um es zu retten. In der Hektik des Moments unterschätzte er die tatsächliche Wassertiefe an jener speziellen Stelle, die durch eine kürzliche Verschiebung der Sandbank flacher geworden war, als er es aus seiner jahrelangen Erfahrung gewohnt war, und schlug bei seinem Sprung mit dem Kopf auf dem sandigen Grund auf.

Die Wendung

T.H. gelang es, trotz der eigenen Verletzung und unter erheblichen Schmerzen, das Kind zunächst sicher an die Wasseroberfläche zu bringen und an einen herbeigeeilten Kollegen zu übergeben, bevor er selbst, mit zunehmender Taubheit in beiden Armen, kaum noch in der Lage war, sich selbst über Wasser zu halten. Erst als sein Kollege bemerkte, dass auch T.H. selbst in Not war, wurde auch er geborgen und in unsere Notaufnahme gebracht, wo sich der Verdacht auf eine Halswirbelsäulenverletzung rasch bestätigte.

Die Rettung

Die Bildgebung zeigte einen Bruch mehrerer Halswirbel mit einer beginnenden Kompression des Rückenmarks. Ich operierte T.H. noch am selben Abend, eine Stabilisierung der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte, die ohne Komplikationen verlief, begleitet von der besonderen Ironie, die mich während der gesamten Operation beschäftigte: ein Mann, dessen Beruf es ist, andere vor dem Ertrinken zu bewahren, hatte sich bei genau einer solchen Rettung selbst schwer verletzt.

Der Weg zurück

T.H.s neurologische Symptome bildeten sich über die folgenden Monate weitgehend und stetig zurück, und er kehrte, nach sorgfältiger, geduldig durchgeführter Rehabilitation, in einer zunächst angepassten, weniger körperlich fordernden Funktion zu seinem geliebten Strandbad zurück. Die Familie des geretteten Kindes besuchte ihn während seines Klinikaufenthalts gleich mehrfach, brachte ihm schließlich einen herzlichen Dankesbrief mit, dem eine von dem geretteten Kind selbst gemalte, liebevolle Zeichnung beilag, die T.H. als Superhelden im Wasser darstellte, ein Bild, das T.H. mir bei einem späteren Kontrolltermin mit sichtlicher Rührung zeigte.

Die Nachwirkung

T.H.s Fall hat mich daran erinnert, wie sehr Menschen in Berufen, die selbst auf die Rettung anderer ausgerichtet sind, im entscheidenden Moment die eigene Sicherheit oft hintanstellen, und wie wichtig es ist, gerade solchen Rettern, wenn sie selbst zu Patienten werden, mit derselben Sorgfalt und demselben Respekt zu begegnen, den sie selbst täglich anderen entgegenbringen. Ich habe seither die Sicherheitsprotokolle für Bademeister unserer Region, gemeinsam mit dem Betreiber des Strandbads, um zusätzliche Hinweise zur veränderlichen Wassertiefe ergänzt. Wir haben, im Zuge dieser Überarbeitung, auch regelmäßige Vermessungen kritischer Wasserstellen eingeführt, um genau jene Art unerwarteter Untiefen frühzeitig zu erkennen, die T.H. bei seinem heldenhaften Rettungssprung zum Verhängnis wurde, eine kleine, aber wichtige Vorsichtsmaßnahme, die künftig ähnliche Verletzungen verhindern soll.

T.H. selbst zeigte sich, bei all unseren Gesprächen während seiner Genesung, bemerkenswert frei von Selbstmitleid, betonte stattdessen immer wieder, wie froh er sei, dass das Kind unversehrt geblieben war. „Ich würde es genauso wieder tun”, sagte er mir, ohne eine Sekunde zu zögern, eine Haltung, die mich, angesichts der Schwere seiner eigenen Verletzung, tief beeindruckte und mich an ähnliche, selbstlose Reaktionen erinnerte, die ich bei anderen Rettern in meiner Laufbahn bereits erlebt hatte.

Ich betrachte die Kinderzeichnung, die T.H. mir zeigte, mit dem gemalten Superhelden im Wasser, bevor ich die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Kasten ziehe.

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