Schulmedizin trifft Alternativmedizin · 3 min Lektüre

Der Ayurveda-Arzt

Karteikarte Nr. 116 — Datum: Frühling, während eines mehrmonatigen Aufenthalts. Kürzel: S.K., 52 J., indischer Geschäftsmann, langjähriger Anhänger der Ayurveda-Medizin. Stichwort: Bandscheibenvorfall, respektvoller Austausch mit seinem eigenen Ayurveda-Arzt per Videoschaltung, gemeinsam abgestimmte Nachsorge. Notiz: eine kleine Packung getrockneter Kräuter, mit handschriftlicher Beschriftung in Sanskrit und Übersetzung.

Der Fall

S.K. war zweiundfünfzig Jahre alt, ein indischer Geschäftsmann, der für einen mehrmonatigen beruflichen Aufenthalt in unserer Region lebte und seit vielen Jahren, parallel zu gelegentlichen Kontakten mit westlicher Medizin, von einem eigenen Ayurveda-Arzt in seiner Heimatstadt betreut wurde, mit dem er auch aus der Ferne in regelmäßigem Kontakt stand. Ein akuter Bandscheibenvorfall mit zunehmenden Lähmungserscheinungen in einem Bein brachte ihn schließlich, an einem gewöhnlichen Wochentag, in unsere Notaufnahme, wo er, noch bevor wir über die eigentliche Behandlung sprachen, den ausdrücklichen Wunsch äußerte, seinen Ayurveda-Arzt in der Heimat unverzüglich über die Situation zu informieren und, wenn irgend möglich, in die anstehende Behandlungsentscheidung einzubeziehen.

Die Wendung

Ich war zunächst unsicher, wie ich mit diesem ungewöhnlichen Wunsch am besten umgehen sollte, entschied mich aber, S.K.s tief verwurzeltes Vertrauen in seinen langjährigen Arzt zu respektieren, und organisierte, mit seinem ausdrücklichen Einverständnis, eine Videoschaltung zwischen mir, S.K. und seinem Ayurveda-Arzt, der die geschilderten Umstände aufmerksam und mit bemerkenswertem medizinischem Grundverständnis zur Kenntnis nahm. Zu meiner Überraschung bestätigte er, ohne jedes Zögern, dass die akute neurologische Verschlechterung eindeutig eine sofortige operative Behandlung erforderte, für die seine eigene traditionelle Praxis keine geeigneten Mittel biete, und riet S.K. ausdrücklich und ohne Umschweife, sich vollständig meiner Behandlung anzuvertrauen, während er selbst gerne, im Anschluss an die Operation, ergänzend bei der langfristigen Erholung und Schmerzbewältigung unterstützen wolle.

Die Rettung

Wir operierten S.K. noch am selben Tag, eine mikrochirurgische Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials, die ohne jegliche Komplikationen verlief und seinen Zustand rasch deutlich besserte. In der Zeit seiner Genesung standen wir, mit S.K.s ausdrücklicher Zustimmung, in einem respektvollen, offenen fachlichen Austausch mit seinem Ayurveda-Arzt, der ergänzend bestimmte pflanzliche Präparate und eine spezielle Ernährungsweise empfahl, die wir, nachdem wir sorgfältig keine Wechselwirkungen mit unserer eigenen Nachbehandlung feststellen konnten, ohne Einwände in seinen individuellen Genesungsplan integrierten.

Der Weg zurück

S.K. erholte sich gut und zügig, seine Lähmungserscheinungen bildeten sich vollständig zurück, und er berichtete mir, bei seinem letzten Kontrolltermin, dass die Kombination aus unserer operativen Behandlung und den ergänzenden ayurvedischen Maßnahmen seines eigenen Arztes ihm ein besonders stimmiges Gefühl von Ganzheitlichkeit in seiner Genesung gegeben habe. Er überreichte mir, zum Abschied, eine kleine Packung getrockneter Kräuter aus der Praxis seines Ayurveda-Arztes, sorgfältig verpackt, mit einer handschriftlichen Beschriftung in Sanskrit und einer beigefügten Übersetzung, die, wie er erklärte, „Heilung und Gleichgewicht” bedeutete.

Die Nachwirkung

S.K.s Fall hat mir gezeigt, dass ein respektvoller, offener Dialog zwischen unterschiedlichen medizinischen Traditionen nicht nur möglich, sondern für den Patienten mitunter außerordentlich wertvoll sein kann, solange beide Seiten die jeweiligen Grenzen und Stärken der anderen Herangehensweise anerkennen, ohne die eigene fachliche Integrität aufzugeben. Ich habe seither, bei international geprägten Patienten mit ähnlichen Wünschen, wiederholt ähnliche fachliche Brücken gebaut, stets in dem Bewusstsein, dass eine solche Zusammenarbeit dem Patienten selbst am meisten nützt. Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie klar S.K.s Ayurveda-Arzt selbst die Grenze seiner eigenen Methode zog, sobald eine akute, operationsbedürftige Situation vorlag, eine fachliche Bescheidenheit, die ich mir, ehrlich gesagt, auch von manchem schulmedizinisch ausgebildeten Kollegen gegenüber alternativen Ansätzen manchmal wünschen würde.

Ich lege die kleine Kräuterpackung zu meinen anderen Erinnerungsstücken, atme kurz ihren fremdartigen, würzigen Duft ein, ein Duft, der mich sofort an jenes respektvolle Gespräch über Kontinente hinweg erinnert, und ziehe die nächste Karte aus dem Kasten, der sich, wie ich mit wachsender Wehmut feststelle, seinem Ende zuneigt.

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