Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Der Aufstieg zum Chefarzt
Ich stehe auf, um die Kerze auf dem Kaminsims neu zu entzünden, die im Laufe des Abends erloschen ist, und bleibe für einen Moment vor dem gerahmten Foto stehen, das seit Jahren dort steht: ich selbst, deutlich jünger, in einem weißen Kittel, umgeben von einem Team, dessen Gesichter mir heute noch so vertraut sind wie damals.
Ich wurde mit neunundvierzig Jahren zum Chefarzt der neurochirurgischen Abteilung berufen, eine Position, auf die ich mich, wie ich glaubte, durch Jahre disziplinierter Arbeit gründlich vorbereitet hatte, und die mich doch, in den ersten Monaten, mit einer Art der Verantwortung konfrontierte, für die keine chirurgische Ausbildung der Welt einen wirklich vorbereiten kann. Es war ein Unterschied, den ich erst am eigenen Leib verstand, als ich zum ersten Mal an meinem neuen Schreibtisch saß, umgeben von Personalakten, Dienstplänen und Budgetübersichten, Dingen, die mit dem eigentlichen Handwerk der Chirurgie, das ich so viele Jahre gelernt hatte, nur noch am Rande zu tun hatten: Ich war nicht mehr nur für meine eigenen Patienten verantwortlich, sondern für eine ganze Abteilung, für jeden einzelnen Assistenzarzt, jede Pflegekraft, jede Entscheidung, die in meinem Namen getroffen wurde, auch wenn ich selbst nicht im Raum war.
Meine erste einschneidende Erfahrung als Chefarzt betraf nicht eine Operation, sondern einen jungen Assistenzarzt, den ich, wenige Wochen nach meinem Amtsantritt, bei einem folgenschweren Fehler ertappte, einer Verwechslung in der Medikation, die glücklicherweise noch rechtzeitig korrigiert werden konnte, bevor sie einem Patienten schadete. Ich erinnere mich an das Gespräch, das ich anschließend mit ihm führte, in meinem Büro, bei geschlossener Tür, und an die Entscheidung, die ich in diesem Moment treffen musste: Sollte ich streng sein, ein Exempel statuieren, wie es einige meiner eigenen früheren Vorgesetzten getan hätten? Oder sollte ich einen anderen Weg finden, einen, der den jungen Mann nicht beschämte, sondern ihm half, aus seinem Fehler zu lernen, ohne dass sein Selbstvertrauen dabei dauerhaften Schaden nahm? Ich entschied mich, nach kurzem inneren Ringen, für Letzteres, sprach offen über meine eigenen Fehler aus früheren Jahren, jene Karte in roter Tinte, die ich Jahre später in meinem ersten Archiv-Band erwähnen sollte, und sah, wie sich die Anspannung in seinem Gesicht langsam löste.
In den folgenden Jahren als Chefarzt entwickelte ich, mehr durch Versuch und Irrtum als durch bewusste Planung, einen eigenen Führungsstil, der weniger auf Autorität durch Hierarchie setzte als auf das, was ich selbst als „geteilte Verantwortung mit klarer letzter Instanz” bezeichnen würde: Ich ermutigte meine Assistenzärzte, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen, behielt mir aber, in jedem kritischen Moment, die letzte, unverrückbare Verantwortung selbst vor. Ich glaube, dass ich auf diese Weise, über die Jahre, nicht nur eine funktionierende Abteilung aufbaute, sondern auch eine ganze Generation von Neurochirurgen mitprägte, von denen einige, wie ich mit einer gewissen stillen Zufriedenheit feststelle, heute selbst leitende Positionen in anderen Kliniken bekleiden. Manche von ihnen schreiben mir noch heute, zu Weihnachten oder zu besonderen Anlässen, kurze Nachrichten, in denen sie mir, oft mit einem selbstironischen Unterton, mitteilen, dass sie inzwischen selbst vor genau denselben Führungsfragen stehen, vor denen ich einst stand, und dass sie erst jetzt, aus der eigenen Verantwortung heraus, wirklich verstehen, was ich ihnen damals zu vermitteln versuchte.
Das Kaminfeuer wirft flackernde Schatten über das alte Foto, während ich es zurück an seinen Platz stelle und mich wieder an den Schreibtisch setze. Ich denke an all die jungen Gesichter aus jenen Jahren, an die, die geblieben sind, und an die wenigen, bei denen ich, im Rückblick, vielleicht anders hätte handeln sollen. Die nächste Karte in meinem Kasten trägt eine kurze Notiz zu einem Mann, der mir, kurz nach meinem Amtsantritt als Chefarzt, mit aller Deutlichkeit vor Augen führte, dass eine Zahl auf einem Ausweis niemals die ganze Geschichte eines Menschen erzählt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."