Notfälle und Sekunden, die zählen · 3 min Lektüre

Der Anruf, der zwanzig Jahre zu spät kam

Karteikarte Nr. 009 — Datum: gewöhnlicher Nachmittag, ungewöhnlicher Anrufer. Kürzel: T.S., 44 J. Stichwort: Anruf eines Mannes, der behauptete, vor über zwanzig Jahren von mir operiert worden zu sein, obwohl meine eigenen Unterlagen keinen entsprechenden Fall verzeichneten. Notiz am Rand: “Manchmal erinnert sich ein Mensch an etwas, das so nie geschah — und manchmal erinnert er sich genauer als jede Akte.”

Der Fall

T.S. rief eines Nachmittags direkt in unserer Klinik an und bat, mit einer gewissen Dringlichkeit in der Stimme, um ein persönliches Gespräch mit mir, mit der Begründung, ich hätte ihn vor über zwanzig Jahren, während einer schweren Wirbelsäulenverletzung, operiert und ihm dabei das Leben gerettet. Ich war zunächst irritiert, da ich mich, trotz meines an sich guten Gedächtnisses für einschneidende Fälle, an keinen Patienten dieses Namens erinnern konnte, und eine erste Durchsicht meiner alten, noch archivierten Unterlagen ergab tatsächlich keinen entsprechenden Eintrag.

Die Wendung

Als T.S. schließlich persönlich in meiner Sprechstunde erschien, erzählte er mir, mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit, von einer nächtlichen Notoperation nach einem schweren Autounfall, von einem Arzt, dessen Gesicht er, wie er sagte, „nie vergessen” habe, und beschrieb dabei Einzelheiten des damaligen Operationssaals, die verblüffend genau mit der tatsächlichen Ausstattung unserer Klinik aus jener Zeit übereinstimmten. Ich begann, zunehmend beunruhigt über die Lücke zwischen seiner lebendigen Erinnerung und meinen fehlenden Unterlagen, in älteren, teilweise noch nicht digitalisierten Archivbeständen nachzuforschen.

Die Rettung

Nach tagelanger Suche fand sich schließlich, in einem alten, fast vergessenen Aktenordner, der tatsächliche Eintrag: T.S. war, vor über zwanzig Jahren, tatsächlich von mir operiert worden, allerdings unter seinem damaligen, inzwischen durch eine spätere Heirat geänderten Nachnamen, ein simpler, aber folgenreicher administrativer Umstand, der die ursprüngliche Verwirrung vollständig erklärte. Die Erleichterung, die sich in diesem Moment sowohl bei ihm als auch bei mir einstellte, war beinahe greifbar, ein Rätsel, das sich am Ende als vergleichsweise banale Erklärung entpuppte, nachdem es uns beide tagelang beschäftigt hatte.

Der Weg zurück

T.S. hatte mich aufgesucht, wie sich herausstellte, nicht aus einem medizinischen Anlass, sondern aus dem einfachen, tief menschlichen Bedürfnis heraus, sich, nach zwei Jahrzehnten, endlich persönlich bei dem Arzt zu bedanken, der ihm damals das Leben gerettet hatte, ein Dank, den er sich, aus verschiedenen Lebensumständen heraus, all die Jahre nie hatte aussprechen können. Wir verbrachten, nach der Aufklärung des administrativen Rätsels, eine ganze weitere Stunde damit, uns gegenseitig zu erzählen, was aus unseren jeweiligen Leben in den zwei dazwischenliegenden Jahrzehnten geworden war.

Die Nachwirkung

T.S.s Geschichte hat mir gezeigt, wie lückenhaft selbst die sorgfältigsten medizinischen Archive sein können, wenn scheinbar nebensächliche administrative Details, wie ein geänderter Nachname, nicht konsequent nachverfolgt werden, und wie stark die menschliche Erinnerung, entgegen mancher Erwartung, in solchen Fällen tatsächlich der verlässlichere Anker sein kann. Ich habe seither unser Archivsystem so anpassen lassen, dass frühere Namen bei einer Namensänderung systematisch mit vermerkt werden, eine kleine, aber, wie

T.S.s Fall zeigt, keineswegs unbedeutende organisatorische Verbesserung. Ich denke oft an die Beharrlichkeit zurück, mit der T.S. auf seiner Erinnerung bestand, obwohl meine eigenen Unterlagen ihm zunächst zu widersprechen schienen, eine Beharrlichkeit, die sich am Ende als vollkommen berechtigt erwies und mich daran erinnerte, wie wichtig es ist, auch scheinbar widersprüchliche Aussagen von Patienten ernst zu nehmen, statt sie vorschnell der eigenen, vermeintlich zuverlässigeren Dokumentation unterzuordnen.

T.S. lud mich, einige Wochen nach unserem Wiedersehen, zu einer kleinen Familienfeier ein, bei der auch seine inzwischen erwachsenen Kinder anwesend waren, die, wie er mir mit sichtlichem Stolz erzählte, ohne meine damalige Operation nie geboren worden wären. Diese schlichte, aber tief bewegende Feststellung hat mich, mehr als jede andere Rückmeldung, die ich in meiner gesamten Laufbahn erhalten habe, daran erinnert, wie weit die Wellen einer einzelnen, gelungenen Operation reichen können, weit über den ursprünglichen Patienten selbst hinaus.

Ich lege T.S.s wiedergefundene Karte, endlich richtig beschriftet, zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt, welche weitere, lange verborgene Geschichte darin auf mich wartet.

Weiterlesen im Journal

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."