Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Alphornbläser

Karteikarte Nr. 099 — Datum: Spätsommer, kurz vor einem großen Alphorn-Treffen. Kürzel: K.S., 58 J., Alphornbläser. Stichwort: Nervenkompression im Schulter-Arm-Bereich, Bedrohung der präzisen Haltetechnik, Ziel: rechtzeitige Teilnahme am jährlichen Bläsertreffen. Notiz: ein winziges, geschnitztes Alphorn-Modell, kaum daumengroß.

Der Fall

K.S. war achtundfünfzig, seit über dreißig Jahren leidenschaftlicher Alphornbläser und Mitglied einer traditionsreichen Bläsergruppe, als eine fortschreitende Nervenkompression im Bereich seiner rechten Schulter begann, ihm zunehmend Schwierigkeiten zu bereiten, sein tonnenschweres, viereinhalb Meter langes Instrument in der für den charakteristischen Klang notwendigen, absolut ruhigen Haltung zu halten. „Ein Alphorn verzeiht kein Zittern”, erklärte er mir bei unserem ersten Gespräch, mit einem Ernst, der mich, angesichts der Bildhaftigkeit seiner Beschreibung, sofort für seinen Fall einnahm. Das jährliche, überregionale Alphorn-Treffen, bei dem er seit Jahrzehnten mit seiner Gruppe auftrat, stand in wenigen Monaten an, und die Sorge, es diesmal verpassen zu müssen, belastete ihn sichtlich mehr als die eigentlichen Schmerzen.

Die Wendung

Die Bildgebung zeigte eine deutliche Einengung eines Nervs im Bereich der Halswirbelsäule, die für die feine, aber kraftvolle Haltearbeit seines rechten Arms verantwortlichen Muskelgruppen zunehmend beeinträchtigte. Ich ließ mir von ihm, ähnlich wie bei anderen Patienten mit hochspezifischen beruflichen oder hobbybedingten Anforderungen, genau die Körperhaltung demonstrieren, die das Alphornspiel erforderte, das minutenlange, nahezu bewegungslose Halten des massiven Instruments in einem präzisen Winkel, eine Belastung, die mir, ehrlich gesagt, vorher nie bewusst gewesen war. K.S. erklärte mir dabei, mit einer Begeisterung, die selbst mich als medizinischen Laien auf diesem Gebiet mitriss, dass schon eine geringfügige Absenkung des Horns während eines langen Tons den charakteristischen, weit über das Tal tragenden Klang empfindlich störe. Wir planten die notwendige operative Entlastung des betroffenen Nervs bewusst so, dass die für diese spezielle Haltearbeit wichtigen Muskelgruppen bestmöglich geschont wurden.

Die Rettung

Die Operation, eine mikrochirurgische Dekompression des betroffenen Nervs, verlief ohne Komplikationen. Ich erklärte K.S. im Anschluss ausführlich, welche Belastungen sein Arm in den ersten Wochen der Heilung noch nicht tolerieren würde, und wir entwickelten gemeinsam mit unserer Physiotherapie einen speziell auf sein Instrument zugeschnittenen Rehabilitationsplan, der schrittweise von leichten Haltübungen bis hin zum tatsächlichen, kontrollierten Halten des vollen Instrumentgewichts führte, eine Vorgehensweise, die ich in dieser Spezifität bis dahin bei keinem anderen Patienten angewendet hatte.

Der Weg zurück

K.S. arbeitete mit bemerkenswerter Disziplin an seiner Genesung, übte zunächst mit einem leichteren Übungsmodell, bevor er sich, wenige Wochen vor dem ersehnten Bläsertreffen, wieder an sein eigentliches Instrument wagte. Er nahm tatsächlich, rechtzeitig und ohne erkennbare Einschränkung, am Treffen teil, und schickte mir, kurz danach, eine Aufnahme seines Auftritts, begleitet von einer kurzen Nachricht: „Kein Zittern. Das Horn hat es mir verziehen.”

Die Nachwirkung

K.S.s Fall gehört zu jenen leichteren, aber keineswegs weniger bedeutsamen Geschichten in meinem Archiv, die mir immer wieder zeigen, wie unterschiedlich die Definition von Lebensqualität von Mensch zu Mensch ausfällt, und wie wichtig es ist, diese individuelle Definition ernst zu nehmen, selbst wenn sie sich, wie in diesem Fall, um ein viereinhalb Meter langes Holzinstrument dreht, das den meisten Menschen zunächst kurios erscheinen mag.

Ich habe, seit diesem Fall, begonnen, mir bei jedem neuen Patienten bewusst eine zusätzliche Minute Zeit zu nehmen, um nach genau jener einen Tätigkeit zu fragen, die ihm oder ihr am meisten bedeutet, eine einfache Frage, die oft mehr über die richtige Behandlungsplanung verrät als jede weitere Zeile in der Patientenakte.

Ich betrachte das winzige, geschnitzte Alphorn-Modell, das er mir schenkte, kaum größer als mein Daumen, und stelle es zu den anderen kleinen Erinnerungsstücken, bevor ich mich, mit einem Lächeln über diese unerwartet leichte Geschichte, der nächsten Karte zuwende, die mich, mit einer kurzen Notiz zu einem hartnäckig bellenden Hund, sogleich neugierig macht.

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