Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre
Der Alarm, der zu spät kam
Karteikarte Nr. 049 — Datum: Winter, während einer geführten Skitour abseits gesicherter Pisten. Kürzel: mehrere Verschüttete, Lawinenabgang. Stichwort: ein technischer Defekt an mehreren Lawinenverschüttetensuchgeräten verzögerte die Ortung, komplexe Rettung unter Zeitdruck. Notiz am Rand: “Selbst die beste Ausrüstung kann im entscheidenden Moment versagen — und trotzdem kann alles gut ausgehen.”
Der Fall
Eine geführte Gruppe von sechs Skitourengehern geriet, abseits gesicherter Pisten, in einen unerwarteten Lawinenabgang, der drei Mitglieder der Gruppe unter sich begrub. Bei der anschließenden, verzweifelten Kameradenrettung stellte sich heraus, dass die Lawinenverschüttetensuchgeräte zweier Verschütteter, vermutlich durch eine Kombination aus Kälte und einem seltenen technischen Defekt, keine verwertbaren Signale aussandten, was die Ortung erheblich erschwerte und wertvolle, in einer solchen Situation entscheidende Minuten kostete.
Die Wendung
Die alarmierte Lawinenrettung musste, angesichts der ausfallenden Ortungsgeräte, auf zusätzliche Suchmethoden zurückgreifen, darunter den Einsatz von Lawinenhunden und eine systematische Sondierung des Lawinenkegels, eine zeitaufwendige, aber letztlich erfolgreiche Kombination, die alle drei Verschütteten schließlich lokalisierte, wenn auch mit einer deutlich längeren Verschüttungszeit, als es bei funktionierender Ortungstechnik der Fall gewesen wäre. Ich stand, sobald die ersten Verletzten unsere Klinik erreichten, vor der besonderen Herausforderung, sowohl die Folgen der Verschüttung selbst als auch mögliche Wirbelsäulenverletzungen durch die enorme Druckbelastung der Schneemassen zu beurteilen.
Die Rettung
Bei einem der drei Verschütteten bestätigte die Bildgebung tatsächlich eine behandlungsbedürftige Wirbelsäulenverletzung, die ich noch in derselben Nacht operierte, eine Stabilisierung, die ohne weitere Komplikationen verlief. Die beiden anderen Verschütteten erholten sich, nach entsprechender Erstversorgung, ohne bleibende körperliche Schäden von ihrer Verschüttung, wenn auch mit einer nachvollziehbaren psychischen Erschütterung, für die wir umgehend eine begleitende psychologische Betreuung organisierten.
Der Weg zurück
Alle drei Betroffenen erholten sich, in den folgenden Monaten, gut, und der Hersteller der defekten Ortungsgeräte leitete, nach Bekanntwerden des Vorfalls, eine umfassende technische Untersuchung ein, die tatsächlich einen seltenen, aber reproduzierbaren Fehler bei extremer Kälte identifizierte und zu einem entsprechenden Rückruf betroffener Geräte führte.
Die Nachwirkung
Dieser Vorfall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, dass selbst die zuverlässigste Sicherheitstechnik im entscheidenden Moment versagen kann, und wie wichtig es ist, dass Rettungsteams stets auch auf alternative, technikunabhängige Suchmethoden vorbereitet sind. Ich habe seither mit besonderem Respekt auf die Vielseitigkeit unserer Lawinenrettungsteams geblickt, deren jahrelanges Training genau für solche Ausnahmesituationen, in denen die moderne Technik versagt, den entscheidenden Unterschied zwischen einer erfolgreichen Rettung und einer Katastrophe ausmachen kann. Ich habe mich, im Nachgang dieses Vorfalls, intensiver mit der Funktionsweise moderner Lawinenverschüttetensuchgeräte beschäftigt und dabei gelernt, wie viele unsichtbare technische Faktoren, von extremer Kälte bis zu elektromagnetischen Störungen, ihre Zuverlässigkeit beeinträchtigen können, ein Wissen, das mir zuvor vollkommen fremd war.
Ich habe, gemeinsam mit der Lawinenrettung, an einer öffentlichen Informationsveranstaltung für Skitourengeher unserer Region mitgewirkt, bei der wir, anhand dieses anonymisierten Falls, für die Bedeutung regelmäßiger Funktionsprüfungen der eigenen Ausrüstung sensibilisierten, unabhängig vom Alter oder der vermeintlichen Zuverlässigkeit eines Geräts. Diese Veranstaltung, die auf reges Interesse stieß, hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass gerade in unserer alpinen Region ein fundiertes Verständnis für die Grenzen der eigenen Sicherheitsausrüstung ebenso wichtig ist wie die reine Kenntnis ihrer korrekten Anwendung.
Besonders bewegend fand ich, wie einer der drei Verschütteten mir bei seinem letzten Kontrolltermin erzählte, dass ihn ausgerechnet das Wissen um die eingeübten, systematischen Suchmethoden der Rettungskräfte, während der langen, angsterfüllten Minuten unter dem Schnee eine gewisse innere Ruhe bewahren ließ, weil er, wie er sagte, „darauf vertraute, dass sie mich finden würden, egal wie lange es dauerte.” Dieses Vertrauen in die eingeübte Professionalität unserer Rettungskräfte, selbst unter widrigsten technischen Umständen, hat mich tief beeindruckt.
Ich lege die drei Karten dieses angespannten Wintertages zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.
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