Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Der Abend im Zelt
Ich lege die kleine Gesteinskapsel beiseite und lasse eine weitere Erinnerung zurückkehren, diesmal von einem regionalen Literaturfestival, das mir noch einmal eindrücklich zeigte, wie sehr sich meine Beziehung zu meiner eigenen Leserschaft über die Jahre verändert hatte.
Es war, einige Jahre nach meinem allerersten größeren literarischen Erfolg, als mich die Organisatoren eines traditionsreichen regionalen Literaturfestivals einluden, an einer ihrer beliebten, meist gut besuchten Abendlesungen teilzunehmen, die, der besonderen Atmosphäre wegen, in einem großen, festlich beleuchteten Zelt am Ufer unseres Sees stattfand. Ich hatte, bis zu diesem Zeitpunkt, zwar bereits zahlreiche Lesungen in Buchhandlungen und kleineren Veranstaltungsräumen gegeben, aber noch nie vor einem derart großen, vielfältigen Publikum unter freiem Himmel.
Ich erinnere mich an meine anfängliche Nervosität, als ich, kurz vor Beginn der Veranstaltung, durch einen Spalt des großen Zeltes blickte und sah, wie sich die Reihen mit Zuhörern füllten, deutlich mehr, als ich erwartet hatte, eine bunte Mischung aus langjährigen Stammlesern und, wie ich später erfuhr, zahlreichen Neugierigen, die von der besonderen Atmosphäre des Festivals angelockt worden waren. Ich dachte, in jenem Moment der Nervosität, unwillkürlich an meine frühere chirurgische Laufbahn zurück, an all die Male, in denen ich mich vor einer komplexen Operation ganz ähnlich gesammelt hatte, bevor ich den Operationssaal betrat.
Die Lesung selbst, bei der ich aus einem meiner damals aktuellen Werke vorlas, entwickelte sich zu einem der intensivsten, unmittelbarsten Erlebnisse meiner bisherigen schriftstellerischen Laufbahn. Ich spürte, während ich las, eine Aufmerksamkeit und Stille im Publikum, die mich tief berührte, unterbrochen nur vom gelegentlichen Plätschern des Sees und dem sanften Flattern der Zeltplane im Abendwind, eine Atmosphäre, die meinem Text eine zusätzliche, fast schon magische Dimension verlieh, die ich in keinem geschlossenen Veranstaltungsraum je erlebt hatte.
Nach der Lesung, während der anschließenden, ausgedehnten Fragerunde, stellte mir eine junge Frau eine Frage, die mich noch lange beschäftigte: Sie wollte wissen, ob es mir schwerfalle, mich, nach Jahrzehnten als Chirurg, in einer derart exponierten, öffentlichen Rolle als Schriftsteller wiederzufinden. Ich antwortete ihr, nach kurzem Nachdenken, dass mir beide Rollen, so unterschiedlich sie erscheinen mögen, dieselbe grundlegende Verantwortung abverlangten: Menschen in einem verletzlichen, offenen Moment ihres Lebens mit größtmöglicher Sorgfalt zu begegnen, sei es auf dem Operationstisch oder in den stillen Stunden, die sie mit einem meiner Bücher verbringen. Ich habe, seither, diese Antwort mehrfach in ähnlichen Gesprächen wiederholt, weil sie mir, jedes Mal, wenn ich sie ausspreche, aufs Neue die tiefere, verbindende Logik meines doppelten Lebens verdeutlicht, eine Logik, die mir selbst, bevor ich sie in jenem Zelt so klar formulierte, nie in dieser Prägnanz bewusst gewesen war.
Ich erinnere mich auch lebhaft an ein weiteres Gespräch, das ich, nach der offiziellen Fragerunde, noch lange mit mehreren treuen Lesern am Ufer des Sees führte, während die letzten flackernden Zeltlichter langsam erloschen und die Sterne über dem Wasser sichtbar wurden. Diese informellen, ungezwungenen Gespräche, fernab jeder offiziellen Bühne, gehören zu den Momenten, die mir von diesem denkwürdigen Abend am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben sind, weil sie mir eine unmittelbarere, persönlichere Verbindung zu meinen Lesern ermöglichten, als es jede formelle Lesung je könnte.
Meine Frau, die an jenem denkwürdigen Abend, wie so oft, an meiner Seite war, sagte mir, auf dem gemeinsamen, ruhigen Heimweg, dass sie mich nur selten so lebendig und erfüllt erlebt habe wie in jenen wenigen Stunden am Ufer, eine Beobachtung, die ich, im ruhigen Rückblick, nur vollumfänglich bestätigen kann.
Ich greife nach der nächsten Karte dieses dritten Bandes, mit der lebendigen, warmen Erinnerung an jenen besonderen Abend im Zelt, der mir noch einmal eindrücklich zeigte, wie unmittelbar und persönlich die Verbindung zwischen einem Autor und seiner Leserschaft tatsächlich sein kann.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."