Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Das Paket

Karteikarte Nr. 077 — Datum: heute. Kürzel: keines. Notiz: die einst leer gelassene letzte Karte aus Band 1, nun beschriftet.

Das Paket liegt seit dem Morgen auf dem Beistelltisch neben dem Kamin, noch ungeöffnet. Ich habe es absichtlich liegen lassen, den ganzen Tag über, wie man ein gutes Glas Wein stehen lässt, um es erst am Abend zu genießen. Der Verlag hat mir angekündigt, dass die ersten Belegexemplare heute eintreffen würden, gedruckt, gebunden, mit dem Titel, den ich mir vor Monaten für dieses Buch ausgedacht habe: Das Archiv der Wunder. Ich habe in meinem Leben über zweihundert Bücher veröffentlicht, und trotzdem zittern meine Hände ein wenig, als ich jetzt, nach dem Abendessen, mit einem Glas Wein neben mir, endlich das Papier aufreiße.

Der Buchdeckel ist schwerer, als ich erwartet hatte, das Papier riecht nach frischer Druckerschwärze, ein Geruch, den ich nach all den Jahren im Verlagsgeschäft eigentlich kennen sollte und der mich trotzdem, jedes Mal wieder, kurz innehalten lässt. Ich blättere langsam, fast andächtig, durch die ersten Seiten, überfliege die Widmung, die ich vor Monaten geschrieben habe, lese ein paar Zeilen aus einem der frühen Kapitel, obwohl ich jeden Satz darin auswendig kenne. Und dann, am Ende, finde ich sie: die letzte Karte, Kapitel einundachtzig, bewusst leer gelassen, nur mit einem Datum versehen. Ich hatte sie leer gelassen, weil ich damals wusste, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende war.

Ich stehe auf, gehe zu dem grauen Karteikasten, der seit der Fertigstellung des Manuskripts auf demselben Regalbrett steht wie all die Jahre zuvor, nur dass er jetzt, zum ersten Mal seit Monaten, nicht mehr vollständig ist. Ich öffne ihn, ziehe die letzte Karte heraus, dieselbe, die ich damals bewusst leer gelassen habe, und halte sie einen Moment lang einfach nur in der Hand, betrachte das leere Feld, in dem noch kein einziges Wort steht. Im Nebenzimmer hat meine Frau zu spielen aufgehört, ich höre, wie sie die Klavierbank zurückschiebt, wie sie näherkommt, wie sie kurz in der Tür stehen bleibt und mich ansieht, ohne etwas zu sagen, weil sie, nach so vielen Jahren an meiner Seite, genau weiß, was dieser Moment bedeutet.

„Du fängst wieder an”, sagt sie schließlich, nicht als Frage, sondern als Feststellung, mit einem kleinen, wissenden Lächeln, das mehr sagt als jeder längere Satz es könnte. Ich nicke. Ich hatte mir, ehrlich gesagt, nach Band eins geschworen, dass der Kasten geschlossen bleiben würde, dass ich mit den erzählten Geschichten genug gesagt hätte. Aber während ich hier sitze, das frisch gedruckte Buch vor mir, die leere Karte in der Hand, merke ich, dass ich mich selbst belogen habe. Es gibt noch mehr zu erzählen. Es gibt die Jahre, die ich in Band eins nur gestreift habe, die eigentlichen Jahre im OP-Saal, die Fälle, die mich zu dem Chirurgen gemacht haben, der ich am Ende war, bevor ich den Kittel ein letztes Mal an den Haken hängte.

Ich nehme einen Kugelschreiber, denselben, mit dem ich schon die erste Karte in diesem Kasten beschriftet habe, vor so vielen Jahren, und schreibe, in derselben schlichten Handschrift wie immer, ein einziges Datum auf die einst leere Karte: den heutigen Tag. Dann lege ich eine neue, unbeschriebene Karte dahinter, die erste von vielen, die noch folgen werden. Draußen ist es bereits dunkel, der See liegt still hinter dem Fenster, kein Licht mehr auf der anderen Seite. Ich fülle mein Glas ein letztes Mal für diesen Abend, setze mich wieder an den Schreibtisch, und beginne, zum ersten Mal seit Monaten, wieder eine Geschichte zu erzählen.

Die erste Karte des neuen Bandes trägt noch keinen Fall. Sie trägt nur drei Worte, die ich mir selbst als Erinnerung notiere, bevor ich mit der eigentlichen Arbeit beginne: „Es geht weiter.”

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