Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Das Erbe, das niemand kannte
Karteikarte Nr. 041 — Datum: Winter. Kürzel: W.H., 55 J. Stichwort: Wirbelsäulenoperation, während der Vorbereitung Entdeckung eines jahrzehntealten Familiengeheimnisses in seinen eigenen medizinischen Unterlagen. Notiz am Rand: “Manchmal liegt die überraschendste Diagnose nicht im Körper, sondern in der eigenen Akte.”
Der Fall
W.H. war fünfundfünfzig Jahre alt, kam mit einer fortgeschrittenen, deutlich symptomatischen Spinalkanalstenose zu mir, ein medizinisch weitgehend unauffälliger, gut behandelbarer Fall. Im Rahmen der routinemäßigen Anforderung älterer Vorbefunde von einer Klinik, in der er als Kind einmal behandelt worden war, stieß unsere aufmerksame Verwaltung auf eine alte, handschriftliche Notiz in seiner damaligen Akte, die eine Bluttransfusion im Kindesalter betraf und, bei genauerer laborchemischer Betrachtung, auf eine Blutgruppenkonstellation hindeutete, die mit seinen bekannten, offiziellen Elternteilen biologisch nicht vollständig und eindeutig vereinbar war.
Die Wendung
Ich stand vor der heiklen Frage, ob und wie ich W.H. mit diesem unerwarteten, potenziell tief erschütternden Fund aus seiner eigenen medizinischen Vergangenheit konfrontieren sollte, ein Fund, der außerhalb meiner eigentlichen medizinischen Zuständigkeit lag, den ich aber, aus ärztlicher Sorgfaltspflicht, nicht einfach ignorieren konnte, da er möglicherweise auch für seine aktuelle Behandlung relevante genetische Informationen implizierte. Ich entschied mich, gemeinsam mit unserer erfahrenen Sozialarbeiterin, ihn behutsam, in einem ruhigen, ungestörten Gespräch, über diesen historischen Aktenfund zu informieren.
Die Rettung
W.H. reagierte, wie ich es erwartet hatte, zunächst mit tiefem Schock auf diese unerwartete Information, die sein gesamtes bisheriges Verständnis seiner eigenen Familiengeschichte in Frage stellte. Ich konnte ihm, in meiner klar umrissenen Rolle als sein behandelnder Arzt, in dieser höchstpersönlichen Angelegenheit selbstverständlich keine abschließende Aufklärung bieten, vermittelte ihm aber den Kontakt zu einem spezialisierten genetischen Berater, der ihm half, diese komplexe, sehr persönliche Frage mit der notwendigen fachlichen wie menschlichen Sorgfalt weiter zu verfolgen.
Der Weg zurück
Die eigentliche, lange geplante Wirbelsäulenoperation, die wir schließlich einige Wochen später durchführten, nachdem sich W.H. emotional ausreichend stabilisiert und gefasst hatte, verlief ohne jede Komplikation. Die Frage seiner tatsächlichen biologischen Abstammung blieb, als ich diese Karte niederschreibe, noch immer Gegenstand seiner eigenen, fortlaufenden und geduldigen Nachforschungen, die er, wie er mir bei seinem letzten, sehr offenen Kontrolltermin mitteilte, mit wachsender innerer Ruhe und wachsender, ehrlicher Neugier statt mit der anfänglichen, tiefen Verzweiflung fortsetzte.
Die Nachwirkung
W.H.s Fall hat mich mit einer ethisch komplexen Situation konfrontiert, die weit über meine eigentliche medizinische Zuständigkeit hinausging, und mich gelehrt, wie behutsam medizinisches Personal mit unerwarteten, hochsensiblen Funden in alten Krankenakten umgehen muss, die weitreichende persönliche Konsequenzen für einen Patienten haben können. Ich habe, seit diesem Fall, gemeinsam mit unserer Klinikethik-Kommission, eine allgemeine Handlungsleitlinie für den Umgang mit solchen unerwarteten, nicht behandlungsrelevanten Funden in historischen Patientenunterlagen entwickelt, die sowohl unsere ärztliche Sorgfaltspflicht als auch den notwendigen Respekt vor der Selbstbestimmung des betroffenen Patienten in Einklang zu bringen versucht, eine Abwägung, die sich, wie W.H.s Fall eindrücklich zeigt, in der Praxis als überraschend komplex erweisen kann.
Ich denke oft an W.H.s eigene, im Rückblick bemerkenswert gefasste Reaktion auf diese erschütternde Entdeckung zurück. Er sagte mir, bei einem unserer späteren Gespräche, dass er nach dem ersten Schock erkannt habe, dass diese neue, unerwartete Information nichts an der Liebe ändere, die er zeitlebens für seine ihm bekannten Eltern empfunden habe, unabhängig davon, was eine mögliche biologische Klärung noch ergeben würde. Diese reife, versöhnliche Haltung hat mich tief beeindruckt und mich daran erinnert, dass biologische und emotionale Familienbande, so eng sie meist zusammenfallen, in ihrem tiefsten Wesen durchaus unterschiedliche Dinge sein können.
Ich lege W.H.s Karte, ohne weitere Details zu jener sehr persönlichen familiären Frage preiszugeben, sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie diesmal birgt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."