Adoro Journal – Begleittexte · 2 min Lektüre

Zum Abschluss

Dieser Text ist Teil von „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro) — dem literarischen Vermächtnis von Prof. Dr. Udo Schlot, in dem sich 77 medizinische Fallgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg verweben. Mehr auf artadoro.com.

Ich sitze, während ich diese Zeilen schreibe, mit nur noch drei verbleibenden Karten in meinem Kasten, ein Gedanke, der mich mit einer Mischung aus Wehmut und tiefer Zufriedenheit erfüllt. Vierundsiebzig Geschichten habe ich Ihnen inzwischen erzählt, aus über drei Jahrzehnten meines beruflichen Lebens, Geschichten von Rettung und Verlust, von Zweifel und Gewissheit, von Fremden, die zu einer Art Familie wurden, und von der stillen, beharrlichen Arbeit, die diesen Beruf ausmacht, weit jenseits der spektakulären Momente, die sich am leichtesten erzählen lassen. Ich schaue auf den fast leeren Kasten vor mir und kann kaum glauben, wie viel Leben in diesem einfachen, grauen Metallgehäuse über die Jahre Platz gefunden hat.

Als ich mit diesem Buch begann, wusste ich nicht genau, wohin es mich führen würde, welche vergessenen Erinnerungen es in mir wachrufen würde, welche alten Gefühle, positive wie schwierige, es erneut an die Oberfläche bringen würde. Ich habe während des Schreibens geweint, gelacht, mich geschämt, mich stolz gefühlt, manchmal alles davon innerhalb eines einzigen Kapitels. Ich habe gelernt, dass das Erzählen dieser Geschichten selbst eine Form der Verarbeitung war, die ich mir, in all den Jahren aktiver klinischer Tätigkeit, nie die Zeit genommen hatte zu durchleben, weil der Alltag eines Chirurgen selten Raum für eine solche rückblickende Reflexion lässt.

Was mich, am Ende dieses langen Schreibprozesses, am meisten überrascht, ist nicht die schiere Menge an Erinnerungen, die in diesem einen grauen Karteikasten steckten, sondern wie sehr sich, über alle diese unterschiedlichen Geschichten hinweg, ein gemeinsames Muster zeigt: dass gute Medizin, in ihrem tiefsten Kern, immer eine Frage der Menschlichkeit ist, nicht nur der Technik. Jede der Karten, die ich in diesem Buch geöffnet habe, erzählt letztlich von genau diesem Zusammenspiel, von Fachwissen, das ohne Empathie unvollständig bleibt, und von Empathie, die ohne fachliche Kompetenz nicht ausreicht.

Ich weiß nicht, wie viele Menschen dieses Buch lesen werden, ob es junge Medizinstudenten inspirieren wird, erfahrene Kollegen an eigene, ähnliche Erfahrungen erinnern wird, oder einfach nur Leser erreicht, die neugierig sind auf das, was sich hinter den Türen eines Operationssaals tatsächlich abspielt. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass mir das Schreiben dieses Buches selbst zu einem Geschenk geworden ist, eine Gelegenheit, noch einmal, mit der Ruhe des Rückblicks, durch ein ganzes Berufsleben zu gehen, das mir mehr bedeutet hat, als ich es in Worte fassen kann.

Drei Karten bleiben noch in meinem Kasten, und ich schreibe sie mit besonderer, bewusster Sorgfalt, weil ich weiß, dass sie diesen ersten Band meines Archivs abschließen werden. Ich hoffe, dass dieses Buch Ihnen, meinen Lesern, vermittelt hat, was ich mit ihm vermitteln wollte: dass hinter jeder Diagnose ein Mensch steht, dass hinter jeder Behandlung eine Geschichte liegt, und dass die wahren Wunder der Medizin selten in den dramatischen Momenten selbst liegen, sondern in der stillen, beharrlichen Menschlichkeit, die sie erst möglich macht.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."