Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Wiedersehen

Karteikarte Nr. 068 — Datum: mein offizieller Abschied aus der aktiven Klinik. Kürzel: viele, zu viele, um sie alle einzeln zu nennen. Stichwort: unerwartetes Wiedersehen mit Dutzenden früheren Patienten bei meiner eigenen Verabschiedungsfeier. Notiz: nur ein Wort, weil kein längerer Text diesen Tag hätte fassen können.

Als meine Klinik eine kleine, offizielle Feier zu meinem Abschied aus der aktiven Tätigkeit organisierte, rechnete ich mit einer überschaubaren Runde aus Kollegen und engen Mitarbeitern, vielleicht mit einigen freundlichen Worten und einem gemeinsamen Umtrunk. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass sich, offenbar durch eine stille, informelle Absprache unter ehemaligen Patienten, die ich über die Jahre behandelt hatte, weit über sechzig Menschen zu dieser Feier einfanden, viele davon Gesichter, die ich sofort wiedererkannte, andere, an die ich mich erst nach kurzem Nachdenken erinnerte, und wieder andere, deren Namen und Geschichten mir erst wieder einfielen, als sie selbst zu erzählen begannen. Ich stand zunächst wie erstarrt in der Tür, unfähig, diesen Anblick ganz zu begreifen, bis mich die erste vertraute Umarmung aus meiner Fassungslosigkeit riss.

Ich stand, überwältigt von diesem unerwarteten Zustrom, inmitten eines Raumes voller Menschen, deren Leben ich, in ganz unterschiedlichem Ausmaß, mitgeprägt hatte: der Bergsteiger vom Grat ohne Namen, die Dirigentin, die Kunststudentin mit ihren Zeichnungen, die Frau, die niemand mehr operieren wollte, mittlerweile weit über neunzig und dennoch mit erstaunlicher Energie anwesend. Jeder von ihnen erzählte mir, in den wenigen Minuten, die uns jeweils blieben, wie es ihm in den vergangenen Jahren ergangen war, kleine Updates aus Leben, die ich einst in kritischen, oft dramatischen Momenten begleitet hatte und die sich seither, jenseits meiner eigenen Beobachtung, in völliger Normalität fortgesetzt hatten, eine Normalität, die mir in diesem Moment kostbarer erschien als jede noch so dramatische Rettungsgeschichte.

Es gab an diesem Tag nichts zu retten, keine Operation, keine medizinische Entscheidung. Und doch war dieser Tag, in gewisser Weise, die eigentliche Rettung, die mein Beruf mir über all die Jahre selbst zuteilwerden ließ: die stille Gewissheit, versammelt in einem einzigen, überfüllten Raum, dass die Arbeit, der ich mein Leben gewidmet hatte, tatsächlich einen Unterschied gemacht hatte, nicht in der Abstraktion medizinischer Statistiken, sondern in den ganz konkreten, weitergelebten Leben der Menschen, die vor mir standen.

Am Ende dieses Tages, als die letzten Gäste sich verabschiedeten, blieb ich noch lange allein im nun leeren Raum zurück, überwältigt von dem, was ich erlebt hatte. Eine der anwesenden Krankenschwestern reichte mir, beim Aufräumen, eine kleine, unscheinbare Karteikarte, die offenbar jemand während der Feier auf einem Tisch zurückgelassen hatte, mit nur einem einzigen, großen Wort darauf: "Wiedersehen."

Ich weiß bis heute nicht, wer diese Karte geschrieben hat, unter den über sechzig Menschen, die an jenem Tag gekommen waren. Aber ich habe sie in mein eigenes Archiv aufgenommen, weil sie, in einem einzigen Wort, genau das ausdrückt, was dieser Tag für mich bedeutete: nicht nur ein Abschied aus meiner aktiven Tätigkeit, sondern ein Wiedersehen mit all den Menschen, deren Geschichten mein eigenes Leben so reich gemacht hatten, ein Beweis dafür, dass die Verbindungen, die wir als Ärzte zu unseren Patienten aufbauen, weit über die eigentliche Behandlung hinaus bestehen bleiben können, manchmal ein ganzes Leben lang.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."