Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Vier Jahre

Dieser Text ist Teil von „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro) — dem literarischen Vermächtnis von Prof. Dr. Udo Schlot, in dem sich 77 medizinische Fallgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg verweben. Mehr auf artadoro.com.

Ich stehe auf, gehe zum Fenster, ziehe den schweren Vorhang ein Stück zurück. Draußen liegt der See vollkommen still, kein Boot, kein Licht außer den vereinzelten Fenstern am gegenüberliegenden Ufer. Ich lasse den Vorhang wieder fallen, gehe zurück zum Kamin, stochere mit dem eisernen Haken in der Glut, bis sie heller aufflammt. Das Wohnzimmer riecht jetzt nach Rauch und Wein und dem leisen, holzigen Duft, den alte Bücher über Jahrzehnte annehmen. Ich setze mich, ziehe die Wolldecke über die Knie, und lasse mich zurückfallen in jenen Sommer 1978.

Der Brief der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen war knapp, bürokratisch, gnadenlos in seiner Sachlichkeit: Aufgrund der Kapazitätsgrenzen im Fach Humanmedizin sei mit einer Wartezeit von voraussichtlich vier Jahren zu rechnen. Vier Jahre. Ich saß mit diesem Brief am Küchentisch meiner Eltern, dreiundzwanzig Jahre alt, das Abitur gerade erst in der Tasche, und spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog, eine Enge, die ich seit meiner Zeit hinter dem Bankschalter nicht mehr gespürt hatte.

Ich hatte zwei Möglichkeiten, mir sagte man das damals so unverblümt: Warten, tatenlos, oder ein sogenanntes Parkstudium beginnen, ein Studienfach, das die Wartezeit verkürzen konnte und das ich später, sollte der Medizin-Platz endlich kommen, wieder verlassen würde. Ich entschied mich für Jura, an der Universität Münster, nicht aus Leidenschaft für das Recht, sondern aus einer nüchternen, fast schon kaufmännischen Kalkulation, die mir aus meiner Bank Zeit noch vertraut war.

Aber ich bin, das musste ich schon in den ersten Semestern feststellen, kein Mensch, der wirklich warten kann, nicht untätig, nicht mit verschränkten Armen. Neben den Vorlesungen zum Bürgerlichen Gesetzbuch, die mich mehr langweilten, als ich zugeben wollte, begann ich, gemeinsam mit einem Kommilitonen namens Reinhard, den ich in einer stickigen Mensa-Schlange kennengelernt hatte, eine kleine Werbeagentur aufzubauen, zunächst nur für studentische Kunden, ein Flugblatt hier, ein Plakat dort, dann, zusehends professioneller, für lokale Geschäfte, die sich einen großen Werbeetat nicht leisten konnten.

Reinhard hatte das gestalterische Talent, ich hatte, wie sich herausstellte, ein Gespür dafür, welche Ideen sich tatsächlich verkaufen ließen und welche nur schön aussahen. Innerhalb von zwei Jahren wuchs aus dieser kleinen Studentenagentur etwas, das ich selbst nicht für möglich gehalten hätte: ein kleiner, aber solider Verlag, der zunächst ein einzelnes, dann drei verschiedene Anzeigenblätter für die Region herausbrachte, mit einer Auflage, die uns beide, an manchen Abenden, vor lauter Erstaunen sprachlos zurückließ.

Ich erinnere mich an eine Nacht, weit nach Mitternacht, in unserem kleinen, gemieteten Büro über einer Bäckerei, deren Ofenwärme im Winter durch den Fußboden nach oben stieg, als wir gemeinsam die erste Druckfreigabe für unsere dritte Zeitschrift unterschrieben, ein Magazin für regionale Kulturveranstaltungen, das bis heute, unter anderem Namen, existiert. Reinhard öffnete eine Flasche billigen Sekt, wir stießen an, mit Pappbechern, weil wir keine Gläser besaßen, und er sagte zu mir, mit einem Lachen, das ich nie vergessen habe: "Wenn das mit der Medizin nichts wird, Udo, dann machen wir das hier einfach für immer."

Ich lächelte zurück, aber ich wusste, tief in mir, dass ich diesen Verlag, so sehr ich ihn liebte, so stolz ich auf das war, was wir gemeinsam aufgebaut hatten, niemals als mein eigentliches Lebenswerk betrachten würde. Er war, das verstand ich in jener Nacht mit einer Klarheit, die mich selbst überraschte, eine Übung, eine Vorbereitung auf etwas, das noch kommen würde, nicht sein Ersatz.

Das Feuer ist wieder auf ein gleichmäßiges Glühen heruntergebrannt. Ich schaue auf die Uhr, es ist fast Mitternacht, aber ich bin nicht müde, ich bin, im Gegenteil, hellwach, mitten in einer Erinnerung, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Ich stehe auf, gehe zum kleinen Bücherregal neben dem Kamin, in dem ich, zwischen medizinischen Fachbüchern und den eigenen Romanen, die ich in den letzten Jahren geschrieben habe, noch ein einziges, vergilbtes Exemplar jener alten Kulturzeitschrift aufbewahre. Ich nehme es heraus, streiche mit dem Daumen über den brüchigen Einband, und lege es neben mich auf den Beistelltisch, bevor ich mich wieder setze, um dem Brief nachzuspüren, der schließlich, im Frühjahr 1983, endlich kam.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

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