Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Niemand kam. Wir kamen.

Karteikarte Nr. 044 — Datum: über mehrere Wochen eines stationären Aufenthalts. Kürzel: G.O., 82 J., ohne Angehörige. Stichwort: Wirbelfraktur, kein einziger Besuch während des gesamten Aufenthalts, spontane Fürsorge des gesamten Stationsteams. Notiz, mit Bleistift, kaum lesbar: "Niemand kam. Wir kamen."

G.O. war zweiundachtzig, kam nach einem Sturz in seiner eigenen Wohnung mit einer Wirbelfraktur zu uns, ein medizinisch überschaubarer Fall, der jedoch von Beginn an von einem Umstand begleitet wurde, der mich und mein gesamtes Team zunehmend beschäftigte: In den insgesamt fünf Wochen seines stationären Aufenthalts erhielt er keinen einzigen Besuch. Keine Kinder, keine Enkel, keine Freunde, die nach ihm sahen. Bei der Aufnahme hatte er selbst, mit einer nüchternen Sachlichkeit, erklärt, seine Frau sei vor Jahren verstorben, seine einzige Tochter lebe weit entfernt im Ausland und der Kontakt sei "vor langer Zeit eingeschlafen", eine Formulierung, die er ohne erkennbare Bitterkeit aussprach, aber die mich dennoch nachdenklich stimmte.

Ohne dass es jemand offiziell anordnete, begannen einzelne Mitglieder unseres Stationsteams, G.O. auf eine Weise zu begleiten, die über die übliche pflegerische und ärztliche Versorgung hinausging. Eine Pflegekraft brachte ihm gelegentlich eine Zeitung mit, eine andere setzte sich in ihrer Pause zu ihm, um mit ihm über sein früheres Berufsleben als Uhrmacher zu sprechen, dass ihn sichtlich erfüllte, wenn er davon erzählte. Ich selbst verlängerte meine üblichen Visiten bei ihm regelmäßig um einige zusätzliche Minuten, mehr als medizinisch notwendig gewesen wären, einfach um ihm das Gefühl zu geben, gesehen zu werden.

G.O.s körperliche Genesung verlief unauffällig und erfolgreich, wie es bei den meisten vergleichbaren Frakturen in seinem Alter zu erwarten war. Was mich jedoch mehr beschäftigte als sein medizinischer Verlauf, war die spontane, völlig unkoordinierte, aber bemerkenswert konsequente Fürsorge, die sich innerhalb unseres Teams für ihn entwickelte, ohne dass irgendjemand dies angeordnet oder auch nur ausdrücklich besprochen hätte. Es war, als hätte jeder Einzelne von uns, unabhängig voneinander, denselben stillen Entschluss gefasst: Diesem Mann, der niemanden sonst hatte, sollte es an unserer Aufmerksamkeit nicht fehlen.

G.O. verließ unsere Klinik nach fünf Wochen, körperlich gut erholt, und vermittelte mir bei der Verabschiedung, mit einer für ihn ungewöhnlichen Offenheit, wie viel ihm diese Wochen bedeutet hatten. "Ich habe seit Jahren nicht mehr so viele Gespräche geführt wie hier", sagte er. "Das werde ich vermissen." Eine unserer Pflegekräfte, die sich ihm besonders angenommen hatte, besuchte ihn nach seiner Entlassung noch mehrmals privat in seiner Wohnung, ein Engagement, das weit über jede berufliche Verpflichtung hinausging und das ich, als ich davon erfuhr, mit stiller Bewunderung zur Kenntnis nahm.

Ich habe den winzigen, kaum lesbaren Bleistiftvermerk auf dieser Karte bewusst nie nachgezogen oder verdeutlicht, weil seine Flüchtigkeit selbst etwas über den Moment aussagt, in dem ich ihn schrieb: leise, fast beiläufig, aber aus tiefer Überzeugung. Dieser Fall erinnert mich daran, dass medizinische Versorgung nur einen Teil dessen abdeckt, was ein Mensch in einer verletzlichen Lebensphase braucht, besonders wenn ihm die sonst selbstverständliche Unterstützung durch Familie und Freunde fehlt. Ich bin zutiefst dankbar für ein Team, das diese Lücke, ganz ohne Anweisung, aus eigenem menschlichem Antrieb heraus zu füllen versuchte. Es gibt Formen der Heilung, die in keinem Behandlungsplan stehen und die dennoch zu den wichtigsten gehören, die wir einem Menschen schenken können, gerade dann, wenn niemand sonst da ist, um sie zu geben.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."