Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Fortsetzung folgt
Dieser Text ist Teil von „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro) — dem literarischen Vermächtnis von Prof. Dr. Udo Schlot, in dem sich 77 medizinische Fallgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg verweben. Mehr auf artadoro.com.
Es gibt keinen einzelnen Patienten, von dem dieses Kapitel erzählt. Ich sitze, während ich diese Zeilen schreibe, an einem ruhigen Abend an meinem alten Schreibtisch, den grauen Karteikasten vor mir geöffnet, zweiunddreißig Karten bereits sorgfältig durchgesehen und in dieses Buch übertragen, fünfundvierzig weitere, die noch auf ihre Erzählung warten. Ich halte kurz inne, nicht weil mir die Geschichten ausgehen, sondern weil ich spüre, dass dieser Moment selbst eine eigene, kleine Geschichte verdient.
Als ich vor Jahrzehnten begann, diesen Kasten zu führen, geschah das aus einem sehr persönlichen, fast egoistischen Bedürfnis heraus: Ich wollte die Fälle, die mich am meisten bewegten, nicht in der Routine eines langen Berufslebens verlieren, wollte ihnen einen Ort geben, an dem sie nicht verblassten, wie es Erinnerungen mit der Zeit nun einmal tun. Erst jetzt, am Ende meines beruflichen Weges, verstehe ich, dass ich damals unbewusst etwas anderes begonnen habe: ein Vermächtnis, geschrieben lange bevor ich wusste, dass ich es jemals mit jemandem teilen würde. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich die allererste Karte beschriftete, ohne die geringste Ahnung, dass daraus einmal ein ganzer Kasten voller Leben werden würde.
Beim Durchblättern dieser ersten zweiunddreißig Karten erkenne ich Muster, die mir während des Schreibens selbst nicht immer bewusst waren. Wie oft eine einzige, scheinbar nebensächliche Beobachtung den entscheidenden diagnostischen Unterschied machte. Wie oft die eigentliche Heilung nicht im Operationssaal begann, sondern in einem ruhigen Gespräch davor oder danach. Wie oft Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten, unterschiedlichen Kontinenten, unterschiedlichen Weltanschauungen, im entscheidenden Moment füreinander da waren, ohne dass es jemand von ihnen geplant hatte. Diese Muster waren mir, während ich sie einzeln erlebte, oft nicht bewusst. Erst die gemeinsame Betrachtung offenbart sie, so wie sich ein Muster in einem Teppich erst zeigt, wenn man einige Schritte zurücktritt und das große Ganze betrachtet, statt nur den einzelnen Faden vor Augen zu haben.
Ich weiß nicht, wie viele Leser dieses Buch erreichen wird, und ich habe, ehrlich gesagt, aufgehört, mir darüber allzu viele Gedanken zu machen. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass mir das Schreiben dieser ersten zweiunddreißig Kapitel selbst zu einer Art Heilung geworden ist, einer Rückschau, die mich manches noch einmal fühlen ließ, was ich in der Hektik des eigentlichen Berufsalltags nur flüchtig wahrgenommen hatte. Manche dieser Geschichten habe ich, während ich sie aufschrieb, klarer verstanden, als ich sie damals, mitten im Geschehen, verstehen konnte. Das Schreiben selbst, so stellte ich fest, ist eine eigene Form der ärztlichen Reflexion, die im hektischen Alltag eines Krankenhauses viel zu selten Raum findet.
Fünfundvierzig Karten warten noch in diesem Kasten, jede mit ihrer eigenen kleinen Besonderheit, ihrem eigenen Geruch, ihrer eigenen Handschrift, ihrem eigenen Kaffeefleck oder Blütenblatt oder Tränenfleck. Ich schließe den Kasten für heute Abend, lege die zweiunddreißigste Karte behutsam zurück an ihren Platz und weiß, dass ich morgen weitermachen werde, so wie ich es mir auf dieser letzten Karte dieses ersten Abschnitts selbst notiert habe: "Fortsetzung folgt." Nicht, weil ich müsste. Sondern weil ich, nach all den Jahren, noch immer nicht genug davon habe, diese Geschichten zu erzählen, die mir mein Leben lang mehr bedeutet haben, als jede noch so erfolgreiche Operation allein es je hätte tun können.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."