Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre
Es geht weiter
Dieser Text ist Teil von „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro) — dem literarischen Vermächtnis von Prof. Dr. Udo Schlot, in dem sich 77 medizinische Fallgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg verweben. Mehr auf artadoro.com.
Auch diese Karte handelt von keinem einzelnen Patienten, sondern von mir selbst, an einem gewöhnlichen Nachmittag, mehrere Wochen nachdem ich mit dem Schreiben dieses Buches begonnen habe. Fünfzig Karten liegen inzwischen bereits erzählt vor mir, ausgebreitet auf meinem Schreibtisch wie eine Landkarte eines ganzen Berufslebens. Sechsundzwanzig warten noch in dem grauen Kasten, den ich mittlerweile fast täglich öffne, mit einer Neugier auf die eigenen, jahrzehntealten Erinnerungen, die mich selbst manchmal überrascht. Draußen vor meinem Fenster liegt der Wörthersee im Nachmittagslicht, ruhig, wie er es zu jeder Jahreszeit tut, und ich habe das Gefühl, dass genau diese Ruhe es ist, die mir erlaubt, mich so tief in diese alten Erinnerungen zu vertiefen, ohne mich von ihnen überwältigen zu lassen.
Ich hatte, als ich mit diesem Projekt begann, eine gewisse Sorge, ob mir nach fünfzig Geschichten die Substanz ausgehen würde, ob sich die verbleibenden Karten als bloße Wiederholungen bereits erzählter Muster erweisen würden. Das Gegenteil ist der Fall. Je weiter ich in diesem Kasten vordringe, desto mehr entdecke ich Fälle, an die ich seit Jahren nicht mehr bewusst gedacht hatte, die aber, sobald ich die entsprechende Karte in die Hand nehme, mit einer Lebendigkeit zurückkehren, als wären sie erst gestern geschehen, komplett mit Gerüchen, Geräuschen und dem genauen Klang bestimmter Stimmen, die ich längst vergessen geglaubt hatte.
Was mich an diesem Punkt des Schreibens am meisten überrascht, ist nicht die schiere Menge an Geschichten, sondern ihre fortwährende Vielfalt. Jede einzelne Karte, so unterschiedlich die Fälle dahinter auch sein mögen, trägt doch etwas Gemeinsames in sich: die stille Überzeugung, dass hinter jeder medizinischen Diagnose ein einzigartiger Mensch steht, dessen Geschichte es wert ist, erzählt zu werden. Diese Überzeugung, die mich mein gesamtes Berufsleben begleitet hat, trägt mich nun auch durch das Schreiben dieses Buches, Karte für Karte, Geschichte für Geschichte, mit einer Beharrlichkeit, die mich selbst manchmal überrascht, wenn ich abends die Uhr betrachte und feststelle, wie viele Stunden bereits vergangen sind.
Ich sitze inzwischen regelmäßig bis in die späten Abendstunden an meinem Schreibtisch, etwas, das meine Frau, wie sie mir mit einem nachsichtigen Lächeln mitteilt, für eine bemerkenswerte Wiederholung meiner früheren, langen Nächte im Operationssaal hält, nur diesmal mit einem Stift statt einem Skalpell in der Hand. Ich finde in diesem Vergleich mehr Wahrheit, als ich zunächst zugeben wollte: Auch das Schreiben dieser Geschichten verlangt eine Art von Konzentration und Hingabe, die mich an die besten Momente meiner chirurgischen Laufbahn erinnert.
Ich schließe diesen zweiten großen Abschnitt meines Kastens mit derselben Gewissheit, mit der ich den ersten geschlossen habe: Es geht weiter, nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus echter, ungebrochener Freude an diesen Geschichten, die mein Leben ausgemacht haben. Sechsundzwanzig Karten warten noch, und ich freue mich, ehrlich gesagt, auf jede einzelne von ihnen, auf die Erinnerungen, die sie zurückbringen werden, und auf die Gelegenheit, sie mit Ihnen, meinen Lesern, zu teilen, bevor dieser erste Band seinen Abschluss findet. Vielleicht, so denke ich manchmal beim Schließen des Kastens am Abend, ist genau dieses Weitergehen, dieses Nicht-müde-Werden, die eigentliche Essenz dessen, was mich all die Jahrzehnte in diesem Beruf gehalten hat.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."