Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Die Zeichnung

Karteikarte Nr. 011 — Datum: Herbst. Kürzel: L., 6 J. Stichwort: Kind, verbal nicht beschreibbare Schmerzen, Diagnose über eine Zeichnung. Notiz am Rand: eine kleine, mit Kugelschreiber nachgezeichnete Kopie ihrer eigenen Skizze.

L. war sechs Jahre alt, als ihre Eltern sie zu mir brachten, weil sie seit Wochen über Rückenschmerzen klagte, die sie selbst nicht genau beschreiben konnte. Kinder in diesem Alter haben oft noch nicht die Worte, um komplexe körperliche Empfindungen präzise auszudrücken, und L. war zusätzlich ein besonders zurückhaltendes Kind, das in fremder Umgebung, umgeben von Ärzten in weißen Kitteln, kaum ein Wort sprach. Die bisherigen Untersuchungen hatten keine eindeutige Ursache gezeigt, und ich saß vor einem Kind, das mir auf jede direkte Frage nur mit einem Schulterzucken oder einem knappen "Weiß nicht" antwortete.

Eine erfahrene Kinderkrankenschwester, die mich bei diesem Gespräch begleitete, reichte L. schließlich, ohne viel Aufhebens, einen Stift und ein Blatt Papier und sagte nur: "Kannst du mir zeigen, wo es wehtut?" L. begann sofort zu zeichnen, konzentriert, mit einer Ernsthaftigkeit, die im Kontrast zu ihrer vorherigen Zurückhaltung stand. Sie malte eine kleine Figur, offensichtlich sich selbst, und markierte an deren Rücken, mit auffällig vielen, kräftigen Strichen, eine ganz bestimmte Stelle, seitlich versetzt, nicht mittig, wie man es bei einem allgemeinen Rückenschmerz vielleicht erwartet hätte. Diese präzise, seitliche Lokalisation lenkte meinen Verdacht in eine sehr spezifische Richtung, die eine gezielte, auf genau diesen Bereich fokussierte Bildgebung nahelegte, statt einer allgemeinen Untersuchung der gesamten Wirbelsäule.

Die gezielte Untersuchung bestätigte, was ihre Zeichnung bereits angedeutet hatte: eine kleine, gutartige, aber wachsende Veränderung an genau jener Stelle, die auf Dauer zu einer zunehmenden Beeinträchtigung hätte führen können, wenn sie unentdeckt geblieben wäre. Der anschließende Eingriff, sorgfältig auf ein kindliches Skelett abgestimmt, verlief unkompliziert. Als L. nach der Operation aufwachte, war das Erste, was sie tat, nicht sprechen, sondern erneut nach Stift und Papier greifen. Diesmal malte sie keine schmerzende Stelle mehr, sondern, wie ihre Mutter mir später mit einem Lächeln erzählte, ein Bild von sich selbst beim Fahrradfahren.

L. erholte sich vollständig und rasch, wie es bei Kindern oft der Fall ist, deren Körper mit einer Regenerationsfähigkeit ausgestattet sind, um die viele Erwachsene sie beneiden dürften. Innerhalb weniger Wochen war sie wieder so aktiv wie zuvor, ohne jede Einschränkung. Ihre Mutter schickte mir, ein Jahr später, ein Foto von L. auf besagtem Fahrrad, mit einem breiten Lächeln und leicht schiefem Helm, den sie sich, wie im Begleittext stand, "diesmal ganz allein" aufgesetzt hatte.

Ich habe die kleine, mit Kugelschreiber nachgezeichnete Kopie ihrer Skizze all die Jahre aufbewahrt, weil sie mich daran erinnert, dass die wichtigste diagnostische Information nicht immer in Worten kommt. Kinder, aber auch viele Erwachsene, verfügen über Wege, sich mitzuteilen, die jenseits der gewohnten medizinischen Anamnese liegen, und es liegt an uns, aufmerksam genug zu sein, diese Wege zu erkennen und ernst zu nehmen, statt auf eine verbale Antwort zu bestehen, die manche Menschen in diesem Moment einfach nicht geben können. Eine einfache Frage, ein Blatt Papier, ein Stift — manchmal ist das die beste diagnostische Ausrüstung, die man einem Menschen anbieten kann. Ich habe diese Lektion seither an viele jüngere Kollegen weitergegeben, und ich erlebe immer wieder, wie überrascht sie sind, wie oft sie tatsächlich funktioniert.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."