Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre
Die Widmung an mich selbst
Karteikarte Nr. 069 — Datum: mein erster Tag als Facharzt, nach abgeschlossener Ausbildung. Kürzel: keines, ein Versprechen an mich selbst. Stichwort: ein selbst formuliertes Leitbild, das ich mir zu Beginn meiner eigenständigen Laufbahn gab. Notiz: "Werde nie der Arzt, der vergisst, wie es sich anfühlt, Angst zu haben."
An meinem ersten Tag als vollständig ausgebildeter Facharzt, nach Jahren der Assistenzarztzeit, setzte ich mich, in einem seltenen ruhigen Moment, an meinen neuen, eigenen Schreibtisch und schrieb mir selbst eine kurze, persönliche Widmung auf eine Karteikarte, die ich fortan bewusst an den Anfang meines eigenen Kastens legte, noch bevor ich meine erste eigene Patientenkarte darin ablegte. Ich wollte, so jung und idealistisch ich damals war, einen Satz formulieren, der mich durch die kommenden Jahrzehnte begleiten sollte, ein Leitbild, an dem ich mich in schwierigen Momenten orientieren konnte, eine Art Kompass für die vielen Jahre, die noch vor mir lagen und deren Ausmaß ich mir an jenem Tag noch gar nicht vorstellen konnte.
Der Satz, den ich damals wählte, war denkbar einfach: "Werde nie der Arzt, der vergisst, wie es sich anfühlt, Angst zu haben." Ich erinnere mich noch genau an die Beweggründe hinter dieser Formulierung, an die vielen erfahrenen Kollegen, die ich während meiner Ausbildung beobachtet hatte und deren professionelle Routine, so bewundernswert sie fachlich war, gelegentlich eine gewisse Distanz zur eigentlichen, menschlichen Angst ihrer Patienten hatte entstehen lassen, eine Distanz, die ich für mich selbst niemals wollte, so sehr ich auch verstand, warum sie sich bei manchen Kollegen über die Jahre eingeschlichen hatte.
Über die folgenden Jahrzehnte, durch Tausende Operationen und noch mehr Gespräche mit ängstlichen Patienten und ihren Familien, habe ich diesen Satz immer wieder zu Rate gezogen, besonders in Momenten, in denen die schiere Routine meines Berufs Gefahr lief, mich abstumpfen zu lassen. Bei jedem Patienten, der mir gegenübersaß, kurz vor einer Operation, versuchte ich mich bewusst an meine eigene, längst vergessene Angst als junger Assistenzarzt zu erinnern, an jenes Gefühl der Unsicherheit vor meiner allerersten eigenständigen Operation, dass ich bereits an früherer Stelle in diesem Buch beschrieben habe.
Ich fand diese Karte, mit meiner eigenen jugendlichen Handschrift, kürzlich beim Sortieren meines gesamten Kastens für dieses Buch wieder, und ich las sie mit einer Mischung aus Rührung und ehrlicher Selbstprüfung. Habe ich dieses Versprechen gehalten? Ich glaube, überwiegend ja, auch wenn ich mir sicher bin, dass es Momente in meiner langen Laufbahn gab, in denen Erschöpfung oder Zeitdruck mich diesem eigenen Anspruch nicht immer vollständig gerecht werden ließen.
Ich lege diese Karte bewusst auch in dieses Buch, an dieser späten Stelle, weil ich glaube, dass ein ehrliches Vermächtnis nicht nur von den Menschen erzählen sollte, die ich behandelt habe, sondern auch von den eigenen, selbst gesetzten Maßstäben, an denen ich mein gesamtes Berufsleben zu messen versuchte.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."