Adoro Journal – Begleittexte · 4 min Lektüre

Die verlorenen Jahre

Dieser Text ist Teil von „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro) — dem literarischen Vermächtnis von Prof. Dr. Udo Schlot, in dem sich 77 medizinische Fallgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg verweben. Mehr auf artadoro.com.

Ein neuer Abend, ein paar Tage später. Draußen hat es zu schneien begonnen, die ersten Flocken dieses Winters, die sich lautlos vor dem hohen Fenster meines Arbeitszimmers sammeln. Ich habe eine neue Flasche geöffnet, einen kräftigeren Rotwein diesmal, passend zur Kälte, die selbst durch die alten, dicken Mauern dieses Hauses zu kriechen scheint. Das Feuer brauche ich heute Abend dringender als sonst, ich lege gleich drei Scheite auf einmal nach, warte ungeduldig, bis die ersten Flammen hochschlagen. Meine Frau ist heute bei einer Freundin, das Haus ist ungewohnt still, nur der Wind, der um die Dachrinne pfeift.

Ich lege eine Platte auf, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe, Keith Jarretts Köln Concert, dessen erste, tastende Töne mich sofort zurückwerfen in eine Zeit, die ich, wenn ich ehrlich bin, lange verdrängt habe, weil sie mir, selbst nach all den Jahrzehnten, noch immer wie eine Art Verrat an mir selbst vorkommt.

1989\. Ich hatte mein drittes Staatsexamen bestanden, war promoviert, stand mit dem frisch erworbenen Doktortitel vor der Frage, wie ich meine junge Familie, meine mittlerweile siebenjährige Tochter, ernähren sollte, während eine Assistenzarztstelle in der Neurochirurgie, dem Fach, das mich seit dem Präparier Saal nicht mehr losließ, zu jener Zeit schwer zu bekommen war, unterbezahlt noch dazu, mit Wartezeiten, die mich, nach den bereits verlorenen Jahren meiner Jugend, erneut in eine Warteschleife zu zwingen drohten, die ich nicht noch einmal ertragen zu können glaubte.

Ein ehemaliger Kommilitone, der bereits bei einem Pharmaunternehmen in Bad Säckingen arbeitete, erzählte mir von einer offenen Stelle als Produktmanager, ein Gehalt, das meine junge Familie mit einem Schlag finanziell absicherte, verbunden mit medizinischem Fachwissen, das ich, so redete ich es mir damals ein, dort ebenso sinnvoll einsetzen konnte wie am Krankenbett. Ich nahm die Stelle an. Ich sagte mir, es sei nur vorübergehend, ein, zwei Jahre, bis sich eine bessere Gelegenheit für die Facharztausbildung ergäbe.

Aus ein, zwei Jahren wurden fünf. Fünf Jahre, in denen ich, in gut geschnittenen Anzügen statt im weißen Kittel, durch Konferenzräume und Kongresshallen reiste, Studien koordinierte, Vertriebsstrategien für neue Präparate entwickelte, mit einer wachsenden, immer schwerer zu ignorierenden Leere in mir, die sich an manchen Abenden, in anonymen Hotelzimmern irgendwo zwischen Frankfurt und Hamburg, kaum noch ertragen ließ. Ich verdiente gut. Ich war, nach außen, erfolgreich. Und ich fühlte mich, das gestehe ich erst hier, in diesem Buch, zum ersten Mal wirklich ein, wie ein Mann, der sich selbst verkauft hatte, für ein sicheres Gehalt, für eine geregelte Zukunft, die sich anfühlte wie ein Kompromiss, den ich nie wirklich hatte eingehen wollen.

Der Moment, der alles änderte, kam, wie so oft in meinem Leben, unangekündigt. Ich war, im Auftrag meines Arbeitgebers, auf einem neurochirurgischen Fachkongress in Köln, nicht als Teilnehmer, sondern als Vertreter unseres Messestands, um Ärzten unsere neuesten Präparate vorzustellen. Zwischen zwei Terminen schlich ich mich, aus reiner, fast schmerzhafter Sehnsucht, in einen der Vortragssäle, in dem ein renommierter Neurochirurg gerade einen besonders komplexen Fall vorstellte, eine erfolgreiche Operation an der Wirbelsäule eines jungen Mannes, dessen Genesung er mit bewegten Worten beschrieb.

Ich saß in der letzten Reihe, in meinem Messestand-Anzug, mit dem Namensschild eines Pharmaunternehmens an der Brust, und spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, Tränen, die ich hastig wegwischte, bevor sie jemand bemerken konnte. In diesem Moment wusste ich, mit einer Klarheit, die keinen weiteren Zweifel zuließ, dass ich diesen Kompromiss nicht länger würde ertragen können. Ich kündigte noch in derselben Woche, gegen den Rat fast aller, die mich kannten, gegen die Sorge meiner Frau, die zu Recht um unsere finanzielle Sicherheit fürchtete, und bewarb mich, mit zweiundvierzig Jahren, um eine Assistenzarztstelle in der Neurochirurgie des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke.

Man hielt mich, mit diesem Alter, für einen Exoten unter den frisch approbierten jungen Kollegen, die meisten von ihnen fünfzehn Jahre jünger als ich. Der Chefarzt, der mich einstellte, ein Mann, dessen Namen ich in einem früheren Kapitel dieses Buches bereits erwähnt habe, ohne ihn preiszugeben, fragte mich im Einstellungsgespräch nur ein einziges Mal, ernst, aber nicht unfreundlich: "Sind Sie sicher, dass Sie das wirklich noch wollen, Herr Schlot, in Ihrem Alter, noch einmal ganz von vorne?" Ich erinnere mich noch genau an meine Antwort, weil ich sie seither nie bereut habe: "Ich habe zweiundzwanzig Jahre gebraucht, um hier anzukommen. Ich werde jetzt nicht mehr weglaufen."

Keith Jarrett spielt sich in seinen improvisierten Rausch hinein, das Feuer knistert lauter, als der Schnee draußen dichter wird. Ich schließe die Augen, lasse diese eine Erinnerung noch ein letztes Mal nachklingen, bevor ich mich, mit einem tiefen, befreienden Atemzug, wieder dem grauen Karteikasten zuwende, der seit einer Woche unberührt auf meinem Schreibtisch liegt. Es wird Zeit, wieder von meinen Patienten zu erzählen.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."