Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Die Uhren

Karteikarte Nr. 071 — Datum: über zehn Monate begleitet. Kürzel: H.N., 52 J. Stichwort: langwierige Genesung nach schwerer Verletzung, jede bedeutsame Stunde als kleine gemalte Uhr festgehalten. Notiz: acht winzige, handgemalte Uhren am Rand, jede eine andere, bedeutsame Uhrzeit zeigend.

H.N. war zweiundfünfzig, ein pensionierter Uhrmacher, als er nach einem schweren Sturz eine komplexe Wirbelsäulenverletzung erlitt, deren Behandlung und anschließende Genesung sich über zehn Monate erstreckte. Als ehemaliger Handwerker, dessen gesamtes Berufsleben um die präzise Erfassung und Darstellung von Zeit gekreist hatte, entwickelte er während seiner langen Genesung eine ganz eigene, für ihn charakteristische Art, seine wichtigsten Fortschritte festzuhalten: Statt eines gewöhnlichen Tagebuchs führte er eine kleine Sammlung winziger, selbst gemalter Uhren, jede eine Miniatur seiner eigenen früheren beruflichen Kunstfertigkeit, jede eingefroren auf genau die Uhrzeit, zu der ein für ihn bedeutsamer Moment seiner Genesung stattgefunden hatte. Seine Hände, obwohl durch die Verletzung selbst nicht betroffen, zitterten in den ersten Wochen noch spürbar, sodass ihm das Malen dieser winzigen Details, wie er mir gestand, zunächst deutlich schwerer fiel als früher in seiner Werkstatt.

Als er mir diese ungewöhnliche Sammlung erstmals zeigte, erklärte er mir jede einzelne Uhr: die Uhrzeit seiner Operation, die Uhrzeit, zu der er zum ersten Mal nach dem Eingriff seine Zehen wieder bewegen konnte, die Uhrzeit seines ersten eigenständigen Schrittes an Gehstützen, jeweils mit derselben handwerklichen Präzision gemalt, mit der er zuvor Jahrzehnte lang echte Uhren repariert und gefertigt hatte. "Ein Uhrmacher denkt in Momenten", erklärte er mir. "Jede Sekunde, die vergeht, ist bereits Geschichte. Ich wollte die wichtigsten Sekunden meiner Genesung festhalten, bevor sie das auch werden." Diese Sichtweise, so ungewöhnlich sie zunächst klang, leuchtete mir sofort ein, als er sie mir erklärte.

H.N.s Genesung selbst verlief, trotz der anfänglichen Schwere seiner Verletzung, letztlich erfolgreich, wenn auch mit dem für solche komplexen Fälle üblichen langen, geduldigen Verlauf. Was diesen Fall für mich besonders bemerkenswert machte, war weniger die medizinische Behandlung selbst als die bewusste, fast meditative Art, mit der H.N. seine eigene Genesung begleitete, jeden bedeutsamen Moment nicht nur erlebte, sondern aktiv, mit seinen eigenen handwerklichen Fähigkeiten, für die Nachwelt festhielt.

Bei seiner letzten Kontrolluntersuchung überreichte mir H.N. eine kleine Karte, an deren Rand er acht dieser winzigen, gemalten Uhren angebracht hatte, jede exakt jene Uhrzeit zeigend, zu der einer der entscheidenden Momente seiner Genesung stattgefunden hatte. "Für Ihr Archiv", sagte er. "Damit Sie sehen, wie viele wichtige Momente in zehn Monaten Genesung stecken, auch wenn es sich für den Patienten manchmal wie eine einzige, endlose Stunde anfühlt."

Ich bewahre diese Karte mit ihren acht winzigen, kunstvoll gemalten Uhren als eine der eindrücklichsten Erinnerungen an die subjektive Wahrnehmung von Zeit während einer langen medizinischen Genesung. Für uns als behandelndes Team sind die Fortschritte eines Patienten oft in großen, klar definierten Etappen gegliedert, Operationstag, erste Mobilisation, Entlassung. Für den Patienten selbst jedoch, wie H.N.s ungewöhnliche Sammlung eindrücklich zeigt, setzt sich diese Genesung aus unzähligen einzelnen, oft sehr spezifischen Momenten zusammen, jeder für sich bedeutsam, jeder es wert, festgehalten zu werden. Ich habe seither versucht, meinen eigenen Patienten bewusster zu vermitteln, dass auch die kleinsten Fortschritte ihre eigene, festhaltenswerte Bedeutung haben.

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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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