Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Die Uhr, die nicht stimmte

Karteikarte Nr. 017 — Datum: Winter, während eines internationalen Langstreckenflugs. Kürzel: R.A., 47 J. Stichwort: akute Rückenmarkskompression während eines Fluges über mehrere Zeitzonen, Diagnose durch eine winzige, aber entscheidende zeitliche Ungereimtheit erschwert. Notiz am Rand: “Sogar die Zeit selbst kann bei einer Diagnose zur Falle werden.”

Der Fall

R.A. saß auf einem Langstreckenflug, der mehrere Zeitzonen durchquerte, als er plötzlich starke Rückenschmerzen und eine rasch zunehmende Taubheit in beiden Beinen verspürte, Symptome, die auf eine akute Rückenmarkskompression hindeuteten und die mich, als anwesenden Arzt an Bord, in eine ähnliche Situation versetzten wie den Fall, den ich bereits in Band 2 dieser Reihe beschrieben habe. Ich musste, ohne jede Bildgebung, allein anhand der klinischen Symptome und, entscheidend, anhand des zeitlichen Verlaufs seiner Beschwerden, eine erste Einschätzung der Dringlichkeit treffen.

Die Wendung

Bei der Befragung, wann genau seine Symptome begonnen hatten, geriet R.A., der durch mehrere Zeitzonen gereist war und dessen inneres Zeitgefühl durch die lange Flugreise erheblich durcheinandergeraten war, in eine zunehmende Verwirrung über den tatsächlichen zeitlichen Ablauf, eine Verwirrung, die für meine medizinische Einschätzung der Dringlichkeit fatale Folgen hätte haben können, da bei akuten Rückenmarkskompressionen jede Stunde über das Ausmaß einer möglichen Lähmung mitentscheidet. Ich musste, in einer für mich ungewohnten Situation, die tatsächliche Chronologie seiner Symptome gemeinsam mit seiner Begleiterin akribisch anhand der Bordzeit und der überflogenen Zeitzonen rekonstruieren.

Die Rettung

Nachdem wir die tatsächliche Dringlichkeit seines Zustands, trotz der verwirrenden zeitlichen Umstände, korrekt eingeschätzt hatten, überzeugte ich den Kapitän von der Notwendigkeit einer außerplanmäßigen Landung, ähnlich wie in jenem früheren Fall, den ich bereits beschrieben habe. R.A. wurde, nach der Landung, umgehend in ein örtliches Krankenhaus gebracht, wo eine bildgebende Untersuchung meine klinische Einschätzung bestätigte und eine sofortige Operation durchgeführt wurde, die, wie ich später erfuhr, erfolgreich verlief und eine bleibende Lähmung verhinderte.

Der Weg zurück

R.A. erholte sich, in den folgenden Monaten, gut von seiner Operation, mit nur geringfügigen, sich weiter zurückbildenden neurologischen Einschränkungen. Er kontaktierte mich, einige Wochen nach dem Vorfall, über die Fluggesellschaft, um sich ausführlich zu bedanken, und wir tauschten, in unserem Briefwechsel, auch unsere jeweiligen Erinnerungen an jene verwirrende Zeitzonen-Verwechslung aus, die, wie wir beide im Nachhinein amüsiert feststellten, beinahe zu einer fatalen Fehleinschätzung geführt hätte.

Die Nachwirkung

R.A.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie sehr scheinbar nebensächliche Faktoren wie eine durcheinandergeratene innere Uhr eine medizinische Notfalleinschätzung erschweren können, und wie wichtig es ist, bei Unklarheiten über den zeitlichen Verlauf von Symptomen besonders sorgfältig und systematisch nachzufragen. Ich achte seither, bei jeder Anamnese im Zusammenhang mit Reisen über mehrere Zeitzonen, bewusst auf genau diese mögliche Fehlerquelle. Ich habe diesen Fall später sogar in einem kurzen Beitrag für eine Fachzeitschrift zur Reisemedizin aufgegriffen, in der Hoffnung, andere Kolleginnen und Kollegen, die möglicherweise in ähnliche Situationen an Bord eines Flugzeugs geraten, für genau diese Problematik zu sensibilisieren, die in der herkömmlichen medizinischen Ausbildung kaum je Erwähnung findet.

Besonders bemerkenswert fand ich im Rückblick, wie sehr mich diese eine Erfahrung an meinen eigenen Notfall über dem Atlantik erinnerte, von dem ich in Band 2 bereits berichtet habe, und wie unterschiedlich doch die jeweilige Herausforderung ausfiel: dort ein Mangel an technischer Ausstattung, hier ein Mangel an verlässlicher zeitlicher Orientierung. Beide Fälle haben mich gelehrt, dass medizinische Notfälle fernab einer gut ausgestatteten Klinik ihre ganz eigenen, oft unerwarteten Herausforderungen mit sich bringen, für die keine noch so gründliche Ausbildung einen vollständig vorbereiten kann, und dass am Ende oft die eigene Ruhe und Anpassungsfähigkeit den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Ich lege R.A.s Karte zurück in den Kasten und ziehe, mit einem nachdenklichen Blick auf die Uhr an meiner eigenen Wand, die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."