Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Die Spiegelschrift

Karteikarte Nr. 059 — Datum: Frühjahr. Kürzel: L.O., 16 J. Stichwort: Nervenverletzung am Arm nach Sportunfall, ungewöhnliche Begabung zur Spiegelschrift als Nebenentdeckung während der Reha. Notiz: Abschiedsgruß in Spiegelschrift verfasst.

L.O. war sechzehn, ein talentierter junger Handballspieler, der sich bei einem Wettkampf eine Nervenverletzung am Arm zuzog, die eine operative Versorgung und anschließend eine intensive, geduldige Reha der betroffenen Handmuskulatur erforderlich machte. Während dieser langwierigen Übungsphase, in der er lernen musste, die feinmotorische Kontrolle seiner verletzten Hand Schritt für Schritt wiederzuerlangen, entdeckte eine unserer Ergotherapeutinnen zufällig eine ungewöhnliche Begabung, die L.O. selbst zuvor nie bewusst wahrgenommen hatte: Wenn er mit seiner gesunden, linken Hand schrieb, tat er dies, ganz natürlich und ohne jede Anstrengung, spiegelverkehrt. Er selbst war über diese Entdeckung mindestens ebenso überrascht wie wir, da er zuvor nie Grund gehabt hatte, seine ungewöhnliche Schreibweise überhaupt zu bemerken.

Diese Fähigkeit zur Spiegelschrift, so ungewöhnlich sie erscheinen mag, ist ein bekanntes, wenn auch seltenes Phänomen, das gehäuft bei Linkshändern auftritt und keinerlei Krankheitswert besitzt, sondern lediglich eine interessante Variante der individuellen Gehirnorganisation darstellt. Unsere Ergotherapeutin, selbst fasziniert von dieser Entdeckung, nutzte sie geschickt, um L.O.s Motivation, während seiner oft mühsamen und wiederholungsintensiven Reha-Übungen aufrechtzuerhalten, indem sie ihm gelegentlich erlaubte, kleine "Spiegelschrift-Pausen" einzulegen, in denen er, zur allgemeinen Belustigung des gesamten Reha-Teams, kurze Botschaften in seiner ungewöhnlichen Schrift verfasste, oft kleine Scherze oder Rätsel, die das gesamte Team zum Lachen brachten.

Die eigentliche medizinische Behandlung von L.O.s Nervenverletzung verlief, unabhängig von dieser amüsanten Nebenentdeckung, erfolgreich. Die Nervenfunktion in seinem verletzten Arm erholte sich über mehrere Monate intensiver Reha nahezu vollständig, sodass er schließlich auch zu seinem geliebten Handballsport zurückkehren konnte. Die kleinen, spielerischen Spiegelschrift-Pausen, so nebensächlich sie medizinisch betrachtet erschienen, trugen jedoch, wie unsere Ergotherapeutin überzeugt war, spürbar zu seiner anhaltenden Motivation während der oft frustrierend langsamen Fortschritte seiner Reha bei, ein Effekt, den wir nie wissenschaftlich hätten messen können, den aber jeder im Team deutlich spürte.

Bei seiner Entlassung überreichte L.O. unserem gesamten Team eine kleine, in Spiegelschrift verfasste Abschiedsnachricht, die wir erst mithilfe eines Handspiegels vollständig entziffern konnten, zur großen Erheiterung aller Beteiligten. Er kehrte, wie geplant, zu seinem Handballteam zurück und schickte uns, eine Saison später, ein Foto von sich bei einem gewonnenen Turnier, mit dem Pokal in der nun vollständig genesenen Hand.

Ich bewahre diese verschlüsselte, spiegelverkehrte Nachricht mit besonderer Freude in meinem Archiv auf, als Erinnerung daran, dass selbst in den ernsthaftesten medizinischen Behandlungsverläufen Raum für unerwartete, freudige Entdeckungen bleiben kann. Die Reha eines jungen Sportlers ist meist eine mühsame, oft frustrierend langsame Angelegenheit, geprägt von wiederholten, wenig aufregenden Übungen. L.O.s ungewöhnliche Begabung zeigt mir, wie wertvoll es sein kann, während einer solchen Behandlung auch Raum für die individuellen, manchmal ganz unerwarteten Besonderheiten eines Patienten zu lassen, statt sich ausschließlich auf das eigentliche medizinische Ziel zu konzentrieren.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."