Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Die Skizze der Kunststudentin

Karteikarte Nr. 043 — Datum: über mehrere Monate begleitet. Kürzel: N.F., 21 J., Kunststudentin. Stichwort: Skoliose-Operation, künstlerische Verarbeitung der eigenen Diagnose, Skizze als Geschenk. Notiz: von N.F. selbst gezeichnete anatomische Illustration ihrer eigenen Wirbelsäule.

N.F. war einundzwanzig, Studentin an einer Kunsthochschule, als bei ihr eine ausgeprägte Skoliose diagnostiziert wurde, die operativ korrigiert werden musste. Was diesen Fall von Beginn an besonders machte, war ihre Art, mit der bevorstehenden Diagnose umzugehen: Statt, wie viele Patienten, primär mit Angst oder Sorge zu reagieren, begann sie, kaum dass sie die Diagnose verstanden hatte, ihre eigene Wirbelsäule zu zeichnen, aus verschiedenen Perspektiven, mit einer Präzision und Sorgfalt, die mich, als sie mir ihre ersten Skizzen zeigte, tief beeindruckte. Ich hatte in meiner gesamten Laufbahn selten einen Patienten erlebt, der seine eigene Diagnose derart aktiv und eigenständig zu durchdringen versuchte, statt sie passiv über sich ergehen zu lassen.

Bei unseren Vorbereitungsgesprächen brachte sie regelmäßig ihr Skizzenbuch mit, bat mich, ihr die genaue Anatomie ihrer eigenen Fehlstellung zu erklären, nicht aus reiner medizinischer Neugier, sondern, wie sie mir erklärte, weil das Zeichnen für sie die Art war, wie sie komplexe, beängstigende Situationen verarbeitete und sich zu eigen machte. "Wenn ich es zeichnen kann", sagte sie, "kann ich es verstehen. Und wenn ich es verstehe, macht es mir weniger Angst." Ich nahm mir für diese Gespräche bewusst mehr Zeit, als ich es sonst für reine Aufklärungsgespräche vorgesehen hätte, weil ich spürte, wie wichtig dieser künstlerische Zugang für ihre eigene psychische Vorbereitung war, und weil ich selbst zunehmend fasziniert davon war, wie präzise ihre Zeichnungen tatsächlich wurden.

Die Operation selbst, eine aufwendige Korrektur ihrer ausgeprägten Skoliose über mehrere Wirbelsegmente, verlief technisch erfolgreich. N.F. ging bemerkenswert gefasst in diesen Eingriff, eine Gelassenheit, die ihre Eltern selbst überraschte und die sie, wie sie mir später erklärte, maßgeblich ihrer intensiven zeichnerischen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Anatomie zuschrieb. Sie hatte, in gewisser Weise, ihre eigene Erkrankung künstlerisch so gründlich durchdrungen, dass die eigentliche Operation für sie weniger einer unbekannten Bedrohung glich als einem bereits vertrauten, wenn auch anspruchsvollen nächsten Schritt.

N.F. erholte sich gut von der Operation, mit einer deutlich verbesserten Körperhaltung, die auch ihr künstlerisches Schaffen, wie sie mir bei einem späteren Besuch berichtete, positiv beeinflusste, da langes, konzentriertes Zeichnen zuvor durch ihre Fehlstellung zunehmend schmerzhaft geworden war. Als Abschlussgeschenk überreichte sie mir eine besonders sorgfältig ausgearbeitete Zeichnung ihrer eigenen, nun korrigierten Wirbelsäule, mit einer Präzision, die selbst manche medizinischen Illustrationen in unseren Lehrbüchern übertraf.

Ich verwende diese Zeichnung seither, mit N.F.s ausdrücklicher Erlaubnis, gelegentlich in Vorträgen vor jungen Kollegen, als Beispiel dafür, wie unterschiedlich Menschen mit der Konfrontation einer ernsten Diagnose umgehen können und wie wichtig es ist, diesen individuellen Bewältigungsstrategien Raum zu geben, statt sie als bloße Ablenkung von der eigentlichen medizinischen Behandlung zu betrachten. N.F.s künstlerischer Zugang zu ihrer eigenen Erkrankung hat mir gezeigt, dass die Verarbeitung einer Diagnose ebenso vielfältig sein kann wie die Menschen selbst, die sie durchleben, und dass unsere Aufgabe als Ärzte manchmal darin besteht, diese individuellen Wege zu erkennen und zu unterstützen, statt sie in ein starres, einheitliches Betreuungsschema zu pressen, das für den einen Patienten passt und für den nächsten völlig unzureichend sein kann.

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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."