Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre
Die schwangere Patientin
Karteikarte Nr. 108 — Datum: Frühsommer. Kürzel: B.N., 31 J., im siebten Monat schwanger. Stichwort: akuter Bandscheibenvorfall mit fortschreitender Lähmung, an zwei Kliniken wegen der Schwangerschaft abgelehnt, interdisziplinär operiert. Notiz am Rand: “Zwei Leben, eine Entscheidung, keine Zeit zum Zögern.”
Der Fall
B.N. war einunddreißig Jahre alt, im siebten Monat ihrer ersten Schwangerschaft, als ein akuter Bandscheibenvorfall eine rasch fortschreitende Schwäche in einem Bein verursachte, begleitet von ersten Anzeichen einer Blasenfunktionsstörung, ein Symptombild, das bei Nichtschwangeren eine dringliche operative Indikation darstellt. An zwei Kliniken, an die sie zunächst überwiesen worden war, zögerte man, angesichts der Schwangerschaft, eine Operation durchzuführen, aus verständlicher, aber, wie sich zeigen sollte, in diesem konkreten Fall übertriebener Sorge um mögliche Risiken für das ungeborene Kind. B.N. kam schließlich, bereits mit deutlich fortgeschrittener Symptomatik und verständlicherweise in großer Angst um beide, sich selbst und ihr ungeborenes Kind, in unsere Klinik.
Die Wendung
Ich erkannte sofort die Dringlichkeit ihres Zustands, eine sich entwickelnde Blasenfunktionsstörung in Kombination mit fortschreitender Beinschwäche zählt zu den echten neurochirurgischen Notfällen, bei denen ein längeres Zuwarten das Risiko einer bleibenden Schädigung erheblich erhöht. Gleichzeitig verstand ich die Zurückhaltung meiner Kollegen an den anderen Kliniken, denn eine Operation während der Schwangerschaft erfordert besondere anästhesiologische und geburtshilfliche Vorsichtsmaßnahmen. Ich rief umgehend unsere Abteilung für Geburtshilfe hinzu, gemeinsam mit einem erfahrenen Anästhesisten, der auf Operationen bei schwangeren Patientinnen spezialisiert war, und wir entwickelten, binnen weniger Stunden, einen interdisziplinären Behandlungsplan, der sowohl B.N.s neurologische Dringlichkeit als auch die Sicherheit ihres ungeborenen Kindes gleichermaßen berücksichtigte.
Die Rettung
Wir operierten B.N. noch am selben Tag, mit einer speziell angepassten Lagerung, die den Druck auf die schwangere Gebärmutter minimierte, und einer eng abgestimmten Anästhesie, die sowohl für sie als auch für ihr ungeborenes Kind sicher war, während die Geburtshelfer während der gesamten Operation die kindlichen Herztöne kontinuierlich überwachten. Die eigentliche neurochirurgische Entlastung des komprimierten Nervs verlief technisch nicht anders als bei vergleichbaren Fällen, doch die Rahmenbedingungen, die zusätzliche Überwachung, die abgestimmte Lagerung, die besondere anästhesiologische Vorsicht, verlangten von unserem gesamten interdisziplinären Team eine Konzentration, die ich so in dieser Form selten erlebt hatte.
Der Weg zurück
B.N.s Beinschwäche und die Blasenfunktionsstörung besserten sich bereits in den ersten Tagen nach der Operation spürbar und deutlich, und die verbleibenden Wochen ihrer Schwangerschaft verliefen, unter engmaschiger geburtshilflicher Kontrolle, ohne weitere Komplikationen. Sie brachte, gut zwei Monate später, ein gesundes Mädchen zur Welt und besuchte mich, wenige Wochen nach der Geburt, gemeinsam mit ihrer Tochter, um sich persönlich zu bedanken, ein Besuch, der mich, angesichts der Ungewissheit, mit der diese Geschichte begonnen hatte, tief bewegte.
Die Nachwirkung
B.N.s Fall hat mir eindrücklich gezeigt, dass eine Schwangerschaft niemals ein automatisches Ausschlusskriterium für eine dringend notwendige Operation sein sollte, sondern vielmehr ein Anlass für eine besonders sorgfältige, interdisziplinäre Planung, die beiden Patienten, Mutter und Kind, gleichermaßen gerecht wird. Ich habe seither, bei ähnlich gelagerten Fällen, stets frühzeitig und aktiv die Geburtshilfe eingebunden, statt eine Operation aus vorschneller Vorsicht zu verzögern, eine Verzögerung, die, wie B.N.s Fall zeigt, das eigentliche Risiko für beide oft eher erhöht als verringert. Wir entwickelten, im Anschluss an diesen Fall, gemeinsam mit der Geburtshilfe ein festes, schriftlich niedergelegtes Vorgehen für genau solche Situationen, damit künftig keine schwangere Patientin mehr allein deshalb wertvolle Zeit verliert, weil zwei Abteilungen sich erst in der akuten Krise erstmals miteinander abstimmen müssen.
Ich lege ihre Karte, versehen mit einem kleinen Foto von ihr und ihrer Tochter, zurück in den Kasten und ziehe, mit einem warmen Gefühl im Bauch, die nächste, die mich in eine ganz andere, von schroffen Felsen und dünner Luft geprägte Erinnerung weit oberhalb der Baumgrenze entführt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."