Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Die letzte Operation

Karteikarte Nr. 039 — Datum: mein letzter aktiver Tag im Operationssaal. Kürzel: R.B., 47 J. Stichwort: Bandscheibenvorfall, meine letzte selbst durchgeführte Operation vor dem Übergang in den Ruhestand. Notiz: makellos, weil sie erst vor kurzem geschrieben wurde.

Diese Karte trägt kein Datum, das weit zurückliegt, weil sie die jüngste in diesem gesamten Kasten ist. R.B. war siebenundvierzig, kam mit einem Bandscheibenvorfall zu mir, der medizinisch, verglichen mit vielen der Geschichten in diesem Buch, keine besondere Herausforderung darstellte, ein klar umrissener, gut behandelbarer Fall. Ich wusste, als ich ihn zum ersten Mal in meinem Sprechzimmer begrüßte, bereits, dass es sich um die letzte Operation handeln würde, die ich selbst als aktiv praktizierender Chirurg durchführen würde, bevor ich mich, nach über drei Jahrzehnten, aus dem operativen Alltag zurückziehen und mich stattdessen ganz dem Schreiben widmen würde, diesem Buch, das Sie gerade in Händen halten, eingeschlossen.

Ich erzählte R.B. bei unserem ersten Gespräch nicht, dass er meine letzte Operation sein würde, aus Respekt davor, seine eigene, ganz persönliche Erfahrung nicht mit meiner eigenen beruflichen Zäsur zu überfrachten. Er sollte diese Operation als das erleben dürfen, was sie für ihn war: eine wichtige, aber medizinisch geradlinige Behandlung seines eigenen Rückenleidens, nicht als symbolisches Ereignis in der Karriere seines Chirurgen. Innerlich jedoch bereitete ich mich auf diesen Tag anders vor als auf jeden anderen zuvor, mit einer Mischung aus professioneller Konzentration und einer leisen, kaum in Worte zu fassenden Wehmut.

Die Operation selbst verlief, wie erwartet, unkompliziert, mit derselben Sorgfalt und Präzision, die ich mir über Jahrzehnte zur zweiten Natur gemacht hatte. Als ich den letzten Hautfaden setzte, hielt ich für einen Moment inne, länger als medizinisch notwendig gewesen wäre, und ließ den Blick durch den Operationssaal schweifen, über die vertrauten Gesichter meines Teams, über die Instrumente, die mir über so viele Jahre hinweg wie eine Verlängerung meiner eigenen Hände gedient hatten. Niemand im Raum wusste in diesem Moment, dass dies mein letzter Handgriff als aktiver Operateur sein würde, bis auf eine einzige, langjährige OP-Schwester, der ich es am Vortag anvertraut hatte, und die mir, als ich den Saal verließ, wortlos die Hand drückte.

R.B. erholte sich, wie zu erwarten, gut und vollständig von seiner Operation, ohne die geringste Ahnung von der Bedeutung, die dieser gewöhnliche Dienstag in meinem eigenen Leben trug. Ich besuchte ihn noch einmal bei der Entlassung, wie ich es bei jedem meiner Patienten tat, und wünschte ihm, mit einer Aufrichtigkeit, die er wohl kaum in ihrer vollen Tiefe verstehen konnte, alles Gute für seinen weiteren Weg.

Ich schreibe diese Karte mit einer Ruhe, die mich selbst überrascht, ohne die Tränen, die ich vielleicht erwartet hätte, sondern mit einer tiefen, zufriedenen Dankbarkeit für all die Jahre, all die Hände, die ich halten durfte, all die Leben, die ich, gemeinsam mit unzähligen Kollegen, mitgestalten durfte. Diese makellose, noch fast jungfräuliche Karte markiert keinen Abschluss, sondern einen Übergang: vom Operationssaal zum Schreibtisch, von den eigenen Händen zu den eigenen Worten, von der Behandlung einzelner Patienten zu diesem Versuch, etwas von dem weiterzugeben, was mir dieser wunderbare Beruf über ein ganzes Leben hinweg beigebracht hat. Ich habe in den folgenden Wochen begonnen, gezielt auch bei früheren Kollegen nachzufragen, ob sie eigene, ähnlich bewegende Geschichten für dieses Archiv beisteuern möchten, damit der Kasten, auch nachdem meine eigene Hand keine Skalpelle mehr führt, weiterwächst.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."