Adoro Journal – Begleittexte · 2 min Lektüre
Die letzte Karte
Dieser Text ist Teil von „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro) — dem literarischen Vermächtnis von Prof. Dr. Udo Schlot, in dem sich 77 medizinische Fallgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg verweben. Mehr auf artadoro.com.
Ich habe lange gerätselt, welche Geschichte diese letzte Karte in meinem Kasten tragen sollte, welcher Patient, welcher Moment würdig genug wäre, diesen ersten Band meines Archivs zu beschließen. Ich habe alte Fälle durchgesehen, Erinnerungen durchforstet, die ich in diesem Buch noch nicht erzählt hatte, in der Hoffnung, die perfekte, abschließende Geschichte zu finden. Ich saß mehrere Abende lang an meinem Schreibtisch, den leeren Kasten vor mir, unschlüssig, welche der vielen verbliebenen Erinnerungen die richtige für diesen besonderen Platz wäre. Und dann verstand ich, in einem Moment, der mich selbst überraschte, dass diese letzte Karte keine vergangene Geschichte tragen sollte. Sie sollte leer bleiben.
Diese Leere ist keine Nachlässigkeit, sondern eine bewusste Entscheidung. Ich habe in diesem Buch sechsundsiebzig Geschichten erzählt, aus über drei Jahrzehnten meines beruflichen Lebens, und doch bleiben, das weiß ich mit Gewissheit, noch unzählige weitere Karten ungeschrieben, weitere Erinnerungen, die in mir schlummern und die ich, in einem möglichen zweiten Band, noch mit Ihnen teilen möchte. Diese eine, leere Karte steht stellvertretend für all diese noch ungeschriebenen Geschichten, für die Tatsache, dass dieses Archiv, trotz des Endes dieses ersten Bandes, keineswegs vollständig ist, so wie auch mein eigenes Leben, trotz meines Rückzugs aus dem Operationssaal, noch längst nicht zu Ende erzählt ist.
Es gibt an dieser Stelle keine medizinische Rettung zu berichten, keine dramatische Operation, keinen konkreten Patienten. Was hier gerettet wird, ist etwas anderes: die Gewissheit, dass eine Geschichte, solang sie auch schon erzählt wurde, noch nicht zu Ende sein muss. Diese leere Karte ist mein persönliches Versprechen an mich selbst und an Sie, meine Leser, dass dies nicht das letzte Kapitel meines Erzählens sein wird, und dass die Neugier, mit der ich all die Jahrzehnte auf jeden neuen Patienten zuging, sich nun auf jede neue Geschichte übertragen hat, die ich noch zu erzählen habe.
Ich werde diesen Kasten, sobald dieses Buch fertiggestellt ist, nicht schließen und beiseitelegen. Ich werde weiterhin neue Karten hinzufügen, neue Erinnerungen, die mir in den kommenden Monaten und Jahren noch einfallen werden, neue Geschichten, die ich vielleicht sogar noch selbst erleben werde, in meiner neuen Rolle als Erzähler statt als operierender Chirurg. Dieser Kasten war nie wirklich vollständig, und er wird es auch jetzt nicht sein.
Ich lasse diese letzte Karte bewusst leer, mit nur dem heutigen Datum versehen, als stilles Versprechen, dass diese Sammlung von Geschichten weiterwächst, so wie mein eigenes Leben, auch nach dem Ende meiner aktiven chirurgischen Laufbahn, weiterhin voller Geschichten sein wird, die es wert sind, erzählt zu werden. Manchmal ist das eindrücklichste Ende einer Geschichte kein Ende, sondern ein offener Raum für das, was noch kommen wird, ein Raum, den ich mit derselben Sorgfalt zu füllen gedenke, mit der ich diesen ersten Band geschrieben habe.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."