Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Die Grenze im eigenen Kopf
Karteikarte Nr. 080 — Datum: Herbst, wenige Monate nach meiner ersten Kraniotomie. Kürzel: L.F., 9 J. Stichwort: Hirntumor in funktionell hochsensibler Lage, Entscheidung gegen die radikale Entfernung zugunsten des Funktionserhalts. Notiz am Rand: “Nicht alles, was entfernbar wäre, sollte entfernt werden.”
Der Fall
L.F. war neun Jahre alt, als bei ihr, nach Wochen zunehmender Kopfschmerzen und einer beginnenden Sehstörung, ein Tumor im Bereich des Kleinhirns diagnostiziert wurde, dessen genaue Lage mir, als ich die Bilder zum ersten Mal betrachtete, sofort ein ungutes Gefühl bereitete. Der Tumor lag unmittelbar an Strukturen, die für Gleichgewicht und Feinmotorik verantwortlich sind, so nah, dass eine vollständige operative Entfernung, wie sie aus rein onkologischer Sicht wünschenswert gewesen wäre, ein erhebliches Risiko für bleibende, schwere Beeinträchtigungen mit sich brachte. Ihre Eltern saßen mir gegenüber, mit jener besonderen Mischung aus Hoffnung und Angst, die ich bei Eltern kranker Kinder inzwischen so oft gesehen hatte, und fragten mich die eine Frage, die in solchen Gesprächen immer als Erstes fällt: „Bekommen Sie den Tumor vollständig raus?”
Die Wendung
Ich musste ihnen, so behutsam ich konnte, erklären, dass die ehrliche Antwort auf diese Frage kompliziert war. Eine radikale Entfernung war technisch möglich, aber mit einem erheblichen Risiko verbunden, L.F. mit schweren, dauerhaften Bewegungsstörungen zurückzulassen. Eine vorsichtigere, teilweise Entfernung, kombiniert mit einer anschließenden Behandlung des Resttumors, bot deutlich bessere Aussichten auf ein funktionell weitgehend normales Leben, allerdings um den Preis einer geringeren Gewissheit über die vollständige Beseitigung der Erkrankung. Ich rang, in den Tagen vor der Operation, mehr mit dieser Entscheidung als mit fast jeder anderen zuvor, sprach mit Kollegen aus der Onkologie, mit einer erfahrenen Kinderneurochirurgin, die ich eigens konsultierte, und kam am Ende zu einer Überzeugung, die mich seither in ähnlichen Fällen immer wieder begleitet hat: Dass es nicht meine Aufgabe war, einen Tumor um jeden Preis restlos zu entfernen, sondern einen Menschen, in diesem Fall ein neunjähriges Mädchen, so gut wie irgend möglich durch diese Krankheit zu bringen.
Die Rettung
Die Operation, die wir schließlich durchführten, entfernte den überwiegenden Teil des Tumors, ließ bewusst einen kleinen, funktionell hochriskanten Rest an Ort und Stelle, den wir anschließend gezielt bestrahlten. Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich, während der Operation, an genau jener Grenze ankam, an der ich, rein technisch, hätte weiterarbeiten können, an der ich mich aber, entsprechend unserem vorab gefassten Plan, bewusst zurückzog, obwohl jeder chirurgische Instinkt in mir danach drängte, „fertig zu machen”, was ich begonnen hatte. Diese bewusste Selbstbeschränkung, das aktive Nicht-Tun an einer Stelle, an der Tun noch möglich gewesen wäre, verlangte mir eine andere Art von Disziplin ab als jede technisch anspruchsvolle Passage einer Operation.
Der Weg zurück
L.F. erholte sich von der Operation ohne die befürchteten schweren Ausfälle, mit einer vorübergehenden, sich über Monate fast vollständig zurückbildenden Gleichgewichtsstörung. Die anschließende Bestrahlung des verbliebenen Resttumors verlief nach Plan, und bei den Kontrolluntersuchungen der folgenden Jahre zeigte sich kein erneutes Wachstum. Sie kehrte, kaum ein Jahr später, zu ihrer großen Leidenschaft zurück, dem Kunstturnen, zunächst vorsichtig, dann mit wachsendem Selbstvertrauen, bis ihre Mutter mir ein Video schickte, das L.F. bei einer gelungenen Bodenübung zeigte, mit einer Präzision der Bewegungen, die mich, angesichts dessen, was wir an genau diesen Strukturen in ihrem Kopf operiert hatten, tief bewegte.
Die Nachwirkung
Dieser Fall hat mir eine Lektion vermittelt, die weit über die reine Chirurgie hinausreicht und die ich seither immer wieder an junge Kollegen weitergebe: dass die Frage, was medizinisch technisch möglich ist, nicht identisch ist mit der Frage, was für einen bestimmten Menschen richtig ist. Manchmal liegt die größere ärztliche Leistung nicht im maximalen Eingriff, sondern in der Weisheit, an der richtigen Stelle aufzuhören.
Ich schließe die Karte, lege sie zurück, höre, wie draußen ein leichter Wind aufkommt, der die ersten trockenen Blätter gegen die Fensterscheibe treibt. Die nächste Karte in meinem Kasten trägt eine Notiz, die mich sofort schmunzeln lässt, wenn ich sie lese: „Ein Trapez, ein Sturz, ein Publikum, das applaudierte, bevor es begriff, was geschehen war.”
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Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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