Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre
Die Frau, die zu krank für eine Operation war
Karteikarte Nr. 092 — Datum: Frühsommer. Kürzel: S.B., 61 J. Stichwort: schwere Spinalkanalstenose, mehrfache Vorerkrankungen, an zwei Kliniken als “zu hohes Narkoserisiko” abgelehnt. Notiz am Rand: “Ein hohes Risiko ist kein Nein, sondern eine Einladung, genauer zu planen.”
Der Fall
S.B. war einundsechzig, litt seit Jahren unter Diabetes, einer koronaren Herzerkrankung und starkem Übergewicht, als eine fortgeschrittene Spinalkanalstenose ihr das Gehen zunehmend unmöglich machte, mit Schmerzen, die sich bereits nach wenigen Schritten bemerkbar machten. An zwei Kliniken, an die sie zuvor überwiesen worden war, hatte man ihr, nach eingehender Untersuchung, mitgeteilt, dass ihr allgemeines Operations- und Narkoserisiko schlicht zu hoch sei, um den Eingriff zu rechtfertigen, eine Einschätzung, die medizinisch nicht grundsätzlich falsch war, die S.B. aber, wie sie mir unter Tränen erzählte, in eine Lage brachte, die sie als ausweglos empfand: „Ich soll also für den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen, weil ich zu krank bin, um gesünder zu werden?”
Die Wendung
Ich verstand die Vorsicht meiner Kollegen an den anderen Kliniken, ihr kombiniertes Risikoprofil war tatsächlich erheblich, aber ich war nicht bereit, mich mit einer pauschalen Ablehnung zufriedenzugeben, ohne zumindest zu prüfen, ob sich dieses Risiko durch eine besonders sorgfältige, interdisziplinäre Vorbereitung nicht doch in einen vertretbaren Bereich senken ließe. Ich stellte ein Team zusammen, bestehend aus einem Kardiologen, einem Diabetologen und unserem erfahrensten Anästhesisten, und wir erarbeiteten gemeinsam, über mehrere Wochen, einen detaillierten Plan, der ihre Herzfunktion vor der Operation optimierte, ihren Blutzucker in einen möglichst stabilen Bereich brachte und die Operationsdauer selbst durch eine besonders schonende, minimalinvasive Technik so kurz wie möglich hielt.
Die Rettung
Wir operierten S.B. schließlich, nach dieser mehrwöchigen, intensiven Vorbereitung, mit einem interdisziplinären Team, das, während der gesamten, bewusst kurz gehaltenen Operation kontinuierlich ihre Herzfunktion überwachte. Die Dekompression des Spinalkanals gelang ohne Komplikationen, in einer Operationszeit, die deutlich unter der eines vergleichbaren Standardeingriffs lag, dank der minimalinvasiven Technik, die wir gezielt gewählt hatten, um die Gesamtbelastung für ihren Kreislauf so gering wie möglich zu halten. Das interdisziplinäre Team blieb, wie vorab geplant, auch in den ersten kritischen Stunden nach der Operation eng in ihre Überwachung eingebunden.
Der Weg zurück
S.B. erholte sich, entgegen den düsteren Prognosen der beiden anderen Kliniken, gut von der Operation, ohne die befürchteten kardialen Komplikationen. Ihre Schmerzen besserten sich deutlich, und innerhalb weniger Monate konnte sie wieder deutlich längere Strecken gehen als zuvor, was ihr wiederum, wie sie mir bei einem späteren Termin berichtete, half, mit ärztlicher Unterstützung auch an ihrem Gewicht und ihrem Diabetes weiterzuarbeiten, ein positiver Kreislauf, der ohne die anfängliche Operation, die ihr zunächst verwehrt worden war, kaum in Gang gekommen wäre.
Die Nachwirkung
S.B.s Fall hat mich darin bestärkt, eine pauschale Risikoabwägung nie als endgültiges Nein zu verstehen, sondern als Ausgangspunkt für die Frage, ob sich dieses Risiko durch eine sorgfältigere, interdisziplinäre Vorbereitung nicht doch vertretbar gestalten lässt. Nicht jeder Fall mit hohem Risikoprofil lässt sich auf diese Weise lösen, und ich habe in meiner Laufbahn auch Patienten erlebt, bei denen eine Operation tatsächlich zu riskant blieb. Aber S.B.s Geschichte hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, diese Grenze in jedem Einzelfall neu und sorgfältig zu prüfen, anstatt sie vorschnell aus einer allgemeinen statistischen Vorsicht heraus zu ziehen. Ich habe diesen interdisziplinären Ansatz seither zu einem festen Bestandteil unserer Abteilung gemacht, für jeden Patienten, dessen Risikoprofil auf den ersten Blick gegen eine Operation zu sprechen scheint.
[]Ich lege ihre Karte zurück, während draußen die ersten warmen Sommerabende des Jahres beginnen, die Fenster stehen einen Spalt offen, und ich höre, in der Ferne, das gedämpfte Motorengeräusch eines Bootes auf dem See. Die nächste Karte trägt eine Notiz, die mich sofort an eine der turbulentesten Nächte meiner gesamten Chefarztzeit erinnert.
Weiterlesen im Journal
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."