Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre

Die Frau, die niemand mehr operieren wollte

Karteikarte Nr. 003 — Datum: später Winter. Kürzel: I.R., 91 J. Stichwort: Bandscheibenvorfall L4/L5, drei Voranfragen abgelehnt, OP durchgeführt, vollständige Mobilisation. Notiz am Rand: "Das Alter ist kein Befund."

Sie kam nicht als Notfall zu mir, sondern als Fall, der bereits eine kleine Odyssee hinter sich hatte. Einundneunzig Jahre alt, seit Wochen an starken, in das linke Bein ausstrahlenden Schmerzen leidend, kaum noch in der Lage, ihre eigene Wohnung zu verlassen. Drei Kollegen an drei verschiedenen Kliniken hatten sie zuvor gesehen und, jeder auf seine Weise, freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Zu alt, hieß es. Zu hohes Risiko. Die Lebenserwartung rechtfertige den Eingriff nicht mehr. Ich habe diese Sätze so oft gehört, in unterschiedlichen Formulierungen, dass ich sie beinahe auswendig kenne, und ich habe nie aufgehört, sie für falsch zu halten, wenn sie allein auf einer Zahl beruhten und nicht auf dem Menschen, der vor einem saß. Als I.R. in meinem Sprechzimmer Platz nahm, tat sie das mit einer Geradlinigkeit, die mich sofort für sie einnahm. Sie erzählte, ohne Selbstmitleid, von den Schmerzen, von den schlaflosen Nächten, vor allem aber davon, dass sie es leid war, gesagt zu bekommen, wofür sie noch zu alt sei. "Ich habe zwei Weltkriege in meiner Familie überlebt", sagte sie, "aber angeblich nicht mehr genug Kraft für eine Bandscheibe."

Ich ließ die üblichen Voruntersuchungen durchführen, gründlicher vielleicht, als es bei einer jüngeren Patientin nötig gewesen wäre, weil ich wissen musste, worauf ich mich einließ, nicht wegen ihres Alters, sondern wegen ihrer tatsächlichen körperlichen Verfassung. Und die war, entgegen allen Erwartungen, bemerkenswert gut. Ihr Herz arbeitete stabil, ihre Nieren funktionierten einwandfrei, sie ging, trotz der Schmerzen, noch immer täglich, wenn auch mit Mühe, eine kleine Runde um den Block. Der Bandscheibenvorfall selbst war klar erkennbar, klar lokalisiert, klar operabel. Was fehlte, war nicht eine medizinische Rechtfertigung. Was fehlte, war jemand, der bereit war, genau hinzusehen, statt auf das Geburtsdatum zu schauen.

Der Eingriff selbst war, rein technisch betrachtet, keiner der kompliziertesten meiner Laufbahn — ein minimalinvasiver Zugang, die Entfernung des vorgefallenen Bandscheibengewebes, die Entlastung der eingeengten Nervenwurzel. Was ihn besonders machte, war die Sorgfalt, mit der wir jeden einzelnen Schritt der Narkoseführung, der Lagerung, der postoperativen Überwachung auf ihre Bedürfnisse zuschnitten, mit einem Anästhesieteam, das ebenso überzeugt war wie ich, dass ihr Alter eine Herausforderung war, kein Ausschlusskriterium. Als sie am Abend nach der Operation aufwachte und ihr linkes Bein bewegte, zum ersten Mal seit Wochen ohne den ziehenden Schmerz, sagte sie nur einen Satz zur Schwester, der mir noch am selben Abend berichtet wurde: "Sehen Sie, ich wusste es."

I.R. verließ die Klinik nach neun Tagen, früher als mancher jüngerer Patient nach demselben Eingriff, weil sie, wie sie es selbst formulierte, "keine Zeit zu verlieren" hatte. Sie kehrte in ihre eigene Wohnung zurück, nicht in ein Pflegeheim, wie es die drei Kollegen zuvor beinahe schon vorausgesetzt hatten. Ein Jahr später schickte sie mir, handschriftlich, eine Weihnachtskarte, in der sie mir mitteilte, sie sei wieder in der Lage, ihren geliebten Garten selbst zu pflegen, wenn auch, wie sie schrieb, "mit etwas mehr Pausen als früher."

Dieser Fall hat mich gelehrt, misstrauisch zu sein gegenüber Ablehnungen, die sich auf eine Zahl stützen statt auf einen Menschen. Das Alter ist ein Faktor in jeder medizinischen Entscheidung, das bestreite ich nicht. Aber es ist kein Befund, und es ersetzt keine gründliche, individuelle Betrachtung. I.R. hat mir, ohne es zu wissen, eine der wichtigsten Lektionen meines beruflichen Lebens erteilt: Dass Würde nicht endet, wo eine statistische Lebenserwartung beginnt, abzunehmen. Manchmal ist die mutigste medizinische Entscheidung die, einfach genau hinzusehen, bevor man ein Urteil fällt.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."