Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre
Die Frau, die die Operation verweigerte
Karteikarte Nr. 010 — Datum: Frühsommer. Kürzel: I.B., 46 J. Stichwort: dringend notwendige Operation aus religiösen Gründen zunächst abgelehnt, ungewöhnlicher Kompromiss gemeinsam erarbeitet. Notiz am Rand: “Die schwierigste Verhandlung meines Lebens fand nicht vor Gericht statt, sondern an einem Krankenbett.”
Der Fall
I.B. war sechsundvierzig, kam mit einem fortgeschrittenen Bandscheibenvorfall und einer rasch fortschreitenden Beinlähmung zu mir, ein Befund, der eine dringende operative Behandlung eindeutig erforderte. Als ich ihr die Operation erklärte, teilte sie mir jedoch, mit ruhiger, aber unmissverständlicher Bestimmtheit mit, dass sie aus tief verwurzelten religiösen Überzeugungen bestimmte medizinische Eingriffe grundsätzlich ablehne, eine Haltung, die sie sich, wie sie betonte, über Jahrzehnte bewusst erarbeitet habe und die sie auch angesichts der drohenden Lähmung nicht bereit war aufzugeben.
Die Wendung
Ich stand vor einem der schwierigsten ethischen Dilemmata meiner gesamten Laufbahn: Auf der einen Seite die medizinische Gewissheit, dass ohne Operation eine bleibende, schwere Lähmung drohte, auf der anderen Seite das unveräußerliche Recht jedes mündigen Patienten, über den eigenen Körper selbst zu entscheiden, selbst wenn diese Entscheidung aus rein medizinischer Sicht unklug erschien. Ich zog, in dieser Situation, unseren Klinikethiker sowie einen Vertreter von I.B.s Glaubensgemeinschaft hinzu, um gemeinsam auszuloten, ob es innerhalb ihrer religiösen Überzeugungen möglicherweise einen Spielraum gab, den sie selbst zunächst nicht erkannt hatte.
Die Rettung
In mehreren ausführlichen, respektvollen Gesprächen stellte sich heraus, dass I.B.s Ablehnung sich, entgegen meiner ursprünglichen Annahme, nicht auf die Operation als solche bezog, sondern auf eine bestimmte, in der Chirurgie standardmäßig verwendete Bluttransfusion, die ihrem Glauben widersprach. Als ich ihr erklärte, dass wir die Operation auch mit alternativen, blutsparenden Techniken und speziellen Blutersatzverfahren durchführen könnten, die genau diesen Konflikt vermieden, öffnete sich, zu unser aller Erleichterung, ein Weg, der zuvor unmöglich erschienen war. Wir operierten sie schließlich, unter Einsatz dieser speziellen Verfahren, ohne dass eine einzige Fremdbluttransfusion notwendig wurde.
Der Weg zurück
I.B.s Beinlähmung bildete sich, nach der erfolgreichen Operation, weitgehend zurück, und sie blieb, wie sie mir bei ihrem letzten Kontrolltermin versicherte, ihren religiösen Überzeugungen treu, ohne dass diese Treue sie, wie sie es zunächst befürchtet hatte, um die notwendige medizinische Versorgung gebracht hätte. Sie bedankte sich bei mir, mit sichtlicher Erleichterung, nicht nur für die medizinische Behandlung, sondern insbesondere dafür, dass ich ihre Überzeugungen ernst genommen und nach einer gemeinsamen Lösung gesucht hatte, statt sie vor die Wahl zwischen ihrem Glauben und ihrer Gesundheit zu stellen.
Die Nachwirkung
I.B.s Fall hat mich gelehrt, wie wichtig es ist, eine scheinbar unüberwindbare Ablehnung eines Patienten nicht vorschnell zu akzeptieren, sondern genau nachzufragen, worauf sich diese Ablehnung tatsächlich bezieht, da sich hinter einer pauschalen Weigerung, wie in diesem Fall, mitunter ein durchaus verhandelbarer, spezifischerer Vorbehalt verbirgt. Ich habe seither, bei ähnlichen Fällen religiös motivierter Bedenken, stets versucht, gemeinsam mit den jeweiligen Glaubensgemeinschaften nach kreativen, für beide Seiten akzeptablen Lösungen zu suchen. Wir haben, im Anschluss an diesen Fall, sogar eine feste Kooperation mit blutsparenden Operationstechniken in unserer Abteilung ausgebaut, die inzwischen nicht nur Patienten mit religiösen Vorbehalten, sondern auch anderen Patienten mit besonderen medizinischen Risikofaktoren zugutekommt.
Ich denke oft an das Gespräch mit dem Vertreter von I.B.s Glaubensgemeinschaft zurück, der mir, mit großer Offenheit, erklärte, dass viele Ärzte, mit denen seine Gemeinschaft zuvor zu tun gehabt habe, eine solche Weigerung als bloße Sturheit missverstanden hätten, ohne sich die Mühe zu machen, die tatsächlichen, oft differenzierteren theologischen Grundlagen zu verstehen. Dieses Gespräch hat mein eigenes Verständnis von interkultureller und interreligiöser Kommunikation im medizinischen Kontext nachhaltig geprägt und mich gelehrt, wie viel Respekt und Geduld solche Situationen erfordern, aber auch, wie viel gemeinsamer Boden sich finden lässt, wenn man ihn ernsthaft sucht.
Ich lege I.B.s Karte zurück in den Kasten, mit dem Gefühl, eine der komplexesten Verhandlungen meiner gesamten Laufbahn erfolgreich bestanden zu haben, und ziehe die nächste, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.
Weiterlesen im Journal
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