Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre
Die Demenz, die keine Rolle spielte
Karteikarte Nr. 115 — Datum: Herbst. Kürzel: E.H., 84 J., leichte kognitive Beeinträchtigung. Stichwort: dringend notwendige Operation wegen einer Demenzdiagnose an anderer Stelle abgelehnt, von der Tochter erfolgreich erstritten. Notiz am Rand: “Eine beginnende Demenz ist kein Todesurteil für die Würde eines Menschen.”
Der Fall
E.H. war vierundachtzig Jahre alt, lebte mit einer leichten, gut kompensierten kognitiven Beeinträchtigung weiterhin selbstständig in ihrer eigenen Wohnung, betreut von ihrer Tochter, die regelmäßig nach ihr sah, als eine fortgeschrittene Spinalkanalstenose ihr das Gehen zunehmend erschwerte und sie schließlich weitgehend an einen Rollstuhl fesselte. An einer Klinik, an die sie zunächst überwiesen wurde, lehnte man eine Operation, trotz eindeutiger medizinischer Indikation, mit dem Hinweis ab, dass sich der Nutzen eines solchen Eingriffs bei einer Patientin mit einer beginnenden Demenzerkrankung „nicht mit letzter Sicherheit rechtfertigen lasse”, eine Formulierung, die E.H.s Tochter, eine energische, gut informierte Frau, als das empfand, was sie tatsächlich war: eine stille, unausgesprochene Form der Altersdiskriminierung, verstärkt durch die zusätzliche Diagnose einer kognitiven Beeinträchtigung.
Die Wendung
Als E.H.s Tochter mit ihrer Mutter zu mir kam, sichtlich erschöpft von der vorangegangenen Auseinandersetzung, aber entschlossen, für ihre Mutter zu kämpfen, ließ ich mir zunächst ausführlich schildern, wie E.H.s Alltag tatsächlich aussah: Sie erkannte ihre Familie zuverlässig, führte einfache Gespräche, hatte klare eigene Wünsche und Vorlieben, auch wenn ihr Kurzzeitgedächtnis zunehmend eingeschränkt war. Ich verstand rasch, dass die Rollstuhlpflichtigkeit, verursacht durch die unbehandelte Spinalkanalstenose, ihre Lebensqualität und ihre verbleibende Selbstständigkeit weitaus stärker beeinträchtigte als ihre kognitive Beeinträchtigung selbst, und dass genau diese Immobilität, wie es in der Fachliteratur gut belegt ist, das Fortschreiten einer Demenzerkrankung eher noch beschleunigen als verlangsamen kann.
Die Rettung
Wir operierten E.H., eine Dekompression des Spinalkanals, die unter besonderer Berücksichtigung ihrer kognitiven Situation geplant wurde, mit einer möglichst kurzen Operationszeit und einem auf ihre Bedürfnisse abgestimmten, besonders geduldigen postoperativen Betreuungskonzept, das eine erfahrene Pflegekraft mit spezifischer Erfahrung im Umgang mit kognitiv beeinträchtigten Patienten einschloss, um eine mögliche postoperative Verwirrtheit, die bei älteren Patienten nach Operationen ohnehin nicht selten auftritt, so gering wie möglich zu halten.
Der Weg zurück
E.H. erholte sich, entgegen den düsteren Prognosen der zuvor ablehnenden Klinik, gut von der Operation, mit nur einer vorübergehenden, sich innerhalb weniger Tage zurückbildenden Verwirrtheit direkt nach der Narkose. Innerhalb weniger Wochen konnte sie, mit Unterstützung eines Gehwagens, wieder selbstständig und sicher gehen, kehrte zu ihrem geliebten täglichen Spaziergang im nahegelegenen Park zurück, eine Gewohnheit, die ihr in den vergangenen Monaten so schmerzlich gefehlt hatte, eine Aktivität, die, wie ihre Tochter mir dankbar berichtete, auch ihre kognitive Verfassung insgesamt spürbar stabilisierte.
Die Nachwirkung
E.H.s Fall hat mich darin bestärkt, wie wichtig es ist, eine Demenzdiagnose niemals pauschal als Ausschlusskriterium für eine ansonsten medizinisch klar indizierte Behandlung zu verwenden, sondern stets die tatsächliche, individuelle Lebensqualität und Selbstständigkeit des jeweiligen Menschen in den Mittelpunkt der Entscheidung zu stellen. Ich habe diesen Fall seither mehrfach in Fortbildungen zur geriatrischen Neurochirurgie vorgestellt, als eindrückliches Beispiel dafür, wie eine vorschnelle, diagnosebasierte Ablehnung einem Menschen wertvolle, verbleibende Lebensjahre in Selbstständigkeit unnötig verwehren kann. E.H.s Tochter, die sich mit solcher Beharrlichkeit für ihre Mutter eingesetzt hatte, wurde später selbst zu einer ehrenamtlichen Ansprechpartnerin für andere Angehörige in ähnlichen Situationen, eine Rolle, die sie, wie sie mir erzählte, aus genau der Erfahrung heraus übernahm, wie einsam und zermürbend sich ein solcher Kampf gegen eine erste, ablehnende Diagnose anfühlen kann, wenn man ihn allein führen muss.
Ich lege ihre Karte zurück in den Kasten, während draußen die letzten herbstlichen Blätter vom Wind gegen das dunkle Fenster getrieben werden, und ziehe, mit einem Gefühl stiller Genugtuung über diesen Fall, die nächste Karte aus dem allmählich schmaler werdenden Stapel.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."