Andere Gesundheitssysteme, andere Wege · 2 min Lektüre
Die Adresse, die ich nie besucht habe
Karteikarte Nr. 026 — Datum: über mehrere Wochen per Videoschaltung begleitet. Kürzel: N.B., 38 J., Mongolei. Stichwort: komplexe Wirbelsäulenverletzung, telemedizinische Begleitung eines lokalen Operationsteams. Notiz: Adresse eines Ortes, den ich nur von Satellitenbildern kenne.
N.B. war achtunddreißig, Viehhirte in einer entlegenen Region der Mongolei, als er bei einem Sturz von seinem Pferd eine schwere Wirbelsäulenverletzung erlitt, mehrere hundert Kilometer von der nächsten Klinik entfernt, die über die notwendige neurochirurgische Expertise verfügte. Der Kontakt zu mir entstand über ein internationales Netzwerk telemedizinischer Zusammenarbeit, dem ich seit einigen Jahren angehörte, gedacht genau für solche Situationen: Fälle, bei denen die räumliche Distanz zwischen Patient und spezialisierter Expertise zu groß ist, um eine rechtzeitige persönliche Behandlung zu ermöglichen, bei denen aber eine Anleitung aus der Ferne den entscheidenden Unterschied machen kann. Ich erhielt den ersten Anruf an einem gewöhnlichen Dienstagabend, während ich gerade selbst beim Abendessen saß, und innerhalb weniger Minuten verwandelte sich mein Küchentisch in eine improvisierte Kommandozentrale, mein Laptop zwischen Teller und Kaffeetasse balanciert.
Über eine Videoverbindung, deren Qualität in den ersten Minuten unseres Kontakts mehrfach zusammenbrach, bevor sie sich stabilisierte, sah ich die Bildgebung, die ein örtlicher Arzt mir digital übermittelt hatte, sowie sein eigenes, bereits kompetentes Verständnis der Verletzung. Was fehlte, war nicht Wissen, sondern die spezifische, praktische Erfahrung mit dieser Art komplexer Wirbelsäulenverletzung, die ich über Jahrzehnte gesammelt hatte und die ich nun, Schritt für Schritt, über eine wackelige Internetverbindung an einen Kollegen weitergab, der Tausende Kilometer entfernt tatsächlich am Operationstisch stand.
Über mehrere Stunden begleitete ich die Operation live, so gut es die technischen Bedingungen zuließen, gab Hinweise zur Zugangswahl, zur Platzierung des Stabilisierungssystems, zur Einschätzung kritischer anatomischer Landmarken, die auf den übertragenen Bildern nur eingeschränkt erkennbar waren. Der örtliche Chirurg, dessen Namen ich hier aus Diskretion nicht nenne, führte die eigentliche Operation mit einer Ruhe und Präzision durch, die mich, angesichts der erschwerten Bedingungen unter denen er arbeitete, tief beeindruckte. Es war eine seltsame, aber kraftvolle Erfahrung, gleichzeitig völlig machtlos, weil ich selbst keine Hand anlegen konnte, und dennoch unmittelbar beteiligt zu sein, an einer Operation, deren physischen Ort ich mir nur anhand von Satellitenbildern vorstellen konnte, die ich mir nach dem Gespräch aus Neugier ansah.
N.B. erholte sich, den Berichten zufolge, die mich in den folgenden Monaten erreichten, gut, kehrte schließlich zu seiner Arbeit als Viehhirte zurück, wenn auch mit gewissen dauerhaften Vorsichtsmaßnahmen bei besonders anstrengenden Tätigkeiten. Der örtliche Kollege schickte mir, Monate später, ein Foto, das N.B. wieder zu Pferd zeigte, mit einer kurzen, in gebrochenem Englisch verfassten Nachricht: "Er reitet wieder. Danke für Ihre Stimme in jener Nacht." Ich habe dieses Foto ausgedruckt und der Karteikarte beigelegt, gemeinsam mit der handgeschriebenen Adresse jenes fernen Ortes, den ich vermutlich nie mit eigenen Augen sehen werde.
Dieser Fall hat mir gezeigt, wie sehr sich unser Beruf durch moderne Kommunikationsmöglichkeiten erweitert hat, weit über die physischen Grenzen hinaus, die meine eigene Generation von Ärzten als selbst-verständlich betrachtet hatte. Ich habe N.B. nie persönlich getroffen, werde ihn vermutlich nie treffen, und doch fühle ich eine Verbindung zu ihm, die genauso real ist wie zu jedem Patienten, den ich mit eigenen Händen operiert habe.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."