Skurrile Unfälle · 3 min Lektüre

Der zweite Zwilling

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Herbst. Kürzel: A.M., 33 J. Stichwort: seltene Wirbelsäulenfehlbildung, während der Untersuchung Entdeckung eines bislang unbekannten, identischen Zwillingsbruders, der Jahrzehnte zuvor zur Adoption freigegeben worden war. Notiz am Rand: “Manchmal findet ein Mensch auf dem Operationstisch mehr als nur seine Diagnose.”

Der Fall

A.M. war dreiunddreißig Jahre alt, kam mit anhaltenden Rückenschmerzen zu mir, die sich bei der Untersuchung als Folge einer seltenen, angeborenen Wirbelsäulenfehlbildung herausstellten. Im Rahmen der ausführlichen Familienanamnese, die ich bei solchen genetisch mitbedingten Fehlbildungen routinemäßig erhebe, erzählte er mir, eher beiläufig, dass er als Kind adoptiert worden sei und über seine leibliche Familie praktisch nichts wisse, eine Information, die zunächst wie eine bloße biografische Randnotiz erschien.

Die Wendung

Ich empfahl A.M., wie ich es bei ähnlichen Fällen angeborener Fehlbildungen bereits ausführlich in früheren Bänden beschrieben habe, eine genetische Zusatzuntersuchung, um das Ausmaß und mögliche familiäre Zusammenhänge seiner Erkrankung besser einzuordnen. Das Ergebnis dieser Untersuchung überraschte uns alle: Die genetischen Marker deuteten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen eineiigen Zwilling hin, ein Umstand, von dem A.M. selbst zuvor nichts geahnt hatte, weil ihn seine Adoptivfamilie ausdrücklich als Einzelkind aufgenommen hatte, ohne selbst Kenntnis von einem möglichen Geschwisterteil zu besitzen.

Die Rettung

Während ich A.M.s eigentliche Wirbelsäulenoperation vorbereitete, die technisch ohne Besonderheiten verlief, begann parallel, mit A.M.s ausdrücklichem Einverständnis und Unterstützung unserer Sozialarbeiterin, eine behutsame Recherche zu seiner leiblichen Familie, gestützt auf die spärlichen, aber vorhandenen Adoptionsunterlagen. Diese Recherche, die sich über mehrere Wochen seiner Genesung hinzog, führte schließlich zu einer erschütternden, aber letztlich versöhnlichen Entdeckung: Tatsächlich existierte ein eineiiger Zwillingsbruder, aufgewachsen in einer anderen Familie, nur wenige Autostunden entfernt, ohne dass beide je voneinander gewusst hatten.

Der Weg zurück

A.M. erholte sich gut und vollständig von seiner Operation, doch die eigentliche, weitaus bewegendere Genesung fand auf einer ganz anderen Ebene statt: das erste, zunächst vorsichtige Telefonat mit seinem bis dahin unbekannten Bruder, gefolgt von einem ersten persönlichen Treffen, bei dem beide, wie A.M. mir bei seinem letzten Kontrolltermin mit sichtlicher Rührung erzählte, „einander gegenüberstanden wie in einem Spiegel, der plötzlich ein eigenes Leben hatte.” Die beiden Brüder blieben, seither, in sehr engem, herzlichem Kontakt, ein Kapitel ihres jeweiligen Lebens, das erst durch A.M.s medizinische Untersuchung überhaupt seinen unerwarteten Anfang nahm.

Die Nachwirkung

A.M.s Fall gehört zu den außergewöhnlichsten in meinem gesamten Archiv, weil eine rein medizinische Untersuchung, ursprünglich einzig auf die Klärung einer Wirbelsäulenfehlbildung gerichtet, am Ende eine der bedeutsamsten persönlichen Entdeckungen seines gesamten Lebens auslöste. Ich habe seither, bei ähnlichen Fällen adoptierter Patienten mit genetisch mitbedingten Erkrankungen, die Möglichkeit einer solchen zusätzlichen genetischen Untersuchung noch bewusster angesprochen, in dem Wissen, welche unerwarteten, tief bewegenden Wendungen sich daraus ergeben können. Ich habe, in den Wochen nach A.M.s Entlassung, viel darüber nachgedacht, wie viele ähnliche, unentdeckte Verbindungen wohl noch irgendwo in den medizinischen Akten schlummern, unsichtbar, bis jemand, aus einem gänzlich anderen Anlass, gezielt danach sucht.

Die beiden Brüder luden mich, ein Jahr nach jener ersten Begegnung, zu einem gemeinsamen Fest ein, das sie, wie sie es selbst nannten, als „nachgeholten gemeinsamen Geburtstag” feierten, obwohl ihre tatsächlichen Geburtstage naturgemäß auf denselben Tag fielen.

Ich konnte der Einladung, aus terminlichen Gründen, leider nicht persönlich folgen, erhielt aber, wenige Tage später, ein weiteres, herzliches Foto der beiden, das ich, zusammen mit dem ersten, in meinem Archiv aufbewahre, als stille Erinnerung an eine der ungewöhnlichsten Geschichten, die mir mein Beruf je geschenkt hat.

Ich lege A.M.s Karte, versehen mit einem gemeinsamen Foto der beiden Brüder, dass er mir schickte, sorgfältig zurück in den Kasten und ziehe die nächste, in stiller Erwartung, welche weitere unerwartete Geschichte sich darin verbirgt.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."