Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre

Der Sonnenschirm

Karteikarte Nr. 048 — Datum: Frühsommer. Kürzel: M.K., 7 J. Stichwort: Wirbelsäulenkorrektur, Motivation durch bevorstehenden Strandurlaub. Notiz: kleiner Sonnenschirm-Aufkleber, von der Patientin selbst angebracht.

M.K. war sieben Jahre alt, als bei ihr eine behandlungsbedürftige Fehlstellung der Wirbelsäule festgestellt wurde, die eine operative Korrektur erforderlich machte. Wie es bei Kindern in diesem Alter oft der Fall ist, war die eigentliche medizinische Notwendigkeit für sie selbst schwer zu begreifen, viel greifbarer hingegen war ein ganz konkretes, ihr sehr wichtiges Ereignis, das wenige Monate nach der geplanten Operation anstand: der lang ersehnte erste gemeinsame Strandurlaub mit ihrer gesamten Familie, inklusive Großeltern, auf den sie sich, wie ihre Mutter mir erzählte, bereits seit einem Jahr freute. Sie hatte, wie ihre Mutter mir mit einem Lächeln erzählte, bereits einen eigenen kleinen Koffer gepackt, Monate bevor überhaupt an eine Operation zu denken war.

Ich erkannte schnell, dass dieser bevorstehende Urlaub für M.K. weit mehr Bedeutung hatte als jede medizinische Erklärung, die ich ihr über ihre Wirbelsäule hätte geben können. Statt ihr die Operation ausschließlich in medizinischen Begriffen zu erklären, die ein siebenjähriges Kind ohnehin nur bedingt erfassen kann, formulierten wir gemeinsam, mit tatkräftiger Unterstützung einer erfahrenen Kinderkrankenschwester, ein greifbares Ziel: Nach der Operation und einer angemessenen Erholungszeit würde sie rechtzeitig zum Strandurlaub bereit sein, um im Sand zu spielen und, wie sie es sich am meisten wünschte, unter dem großen, bunten Sonnenschirm ihrer Großmutter zu sitzen, genau dort, wo sie schon letztes Jahr gesessen hatte, wie sie mir mehrfach versicherte.

Die Operation selbst verlief erfolgreich, eine sorgfältige Korrektur, die M.K.s Wirbelsäule in eine deutlich verbesserte Ausrichtung brachte. Während ihrer gesamten Reha zeichnete sie, in Anlehnung an das gemeinsam vereinbarte Ziel, kleine Sonnenschirme auf jedes Blatt Papier, das sie in die Hände bekam, ein Symbol, das für sie zum persönlichen Sinnbild ihrer eigenen Genesung wurde. Bei ihrem letzten Kontrolltermin vor dem geplanten Urlaub überreichte sie mir stolz einen kleinen Bogen selbstklebender Sonnenschirm-Sticker, die sie eigens für diesen Anlass gekauft hatte, und bestand darauf, einen davon persönlich auf "ihre Karte" zu kleben, von deren Existenz sie durch ein beiläufiges Gespräch mit ihrer Mutter erfahren hatte.

M.K. reiste tatsächlich pünktlich zum geplanten Termin mit ihrer Familie an den Strand, vollständig erholt von ihrer Operation, und verbrachte, wie mir ihre Mutter per Postkarte berichtete, "geschätzte vierzig Stunden unter diesem Sonnenschirm, glücklicher, als ich sie je gesehen habe." Die Postkarte, mit einem kleinen handgezeichneten Sonnenschirm in der Ecke, hängt bis heute in meinem Sprechzimmer, eine ständige, fröhliche Erinnerung an dieses kleine Mädchen und sein unbeirrbares Urlaubsziel.

Dieser Fall gehört zu den unbeschwertesten Geschichten in meinem gesamten Archiv, und gerade deshalb ist er mir besonders wichtig. Er erinnert mich daran, dass die Motivation für Genesung nicht immer aus großen, existenziellen Zielen erwachsen muss. Manchmal reicht ein Sonnenschirm am Strand, ein ganz konkretes, kindlich einfaches Bild von Glück, um einen jungen Menschen durch eine schwierige medizinische Behandlung zu tragen. Ich habe seither gelernt, gerade bei meinen jüngsten Patienten gezielt nach solchen greifbaren, persönlichen Zielen zu fragen, die weit wirksamer motivieren können als jede abstrakte medizinische Erklärung, und ich habe seither viele weitere Sonnenschirme, Fußballspiele und Geburtstagsfeiern als Fixpunkte in Reha-Plänen kennengelernt, jeder einzelne genauso wichtig für das jeweilige Kind wie M.K.s Strandurlaub für sie.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."