Andere Gesundheitssysteme, andere Wege · 3 min Lektüre

Der Sommer am Rand von Eldoret

Karteikarte Nr. 006 — Datum: Sommer, mehrere Jahre zurück. Kürzel: J.K., 9 J., ländliches Kenia. Stichwort: Hydrozephalus, improvisierte Shunt-Anlage unter Ressourcenmangel, gemeinsam mit lokalem Team. Notiz am Rand: "Weniger Werkzeug, mehr Vertrauen."

Ich war für vier Wochen als Gastchirurg an einem Hospital am Rand von Eldoret, einer Stadt im Westen Kenias, ein Austauschprogramm, das mich schon lange gereizt hatte und das mir zeigte, wie unterschiedlich Neurochirurgie aussehen kann, wenn die Ausstattung, an die ich in Deutschland gewöhnt war, plötzlich fehlt. Der Junge hieß J.K., neun Jahre alt, aus einem Dorf, das mehrere Stunden entfernt lag. Seine Mutter hatte ihn auf dem Rücken eines Mopeds hergebracht, nachdem sein Kopf über Monate zunehmend angeschwollen war, seine Augen begannen, sich merkwürdig nach unten zu verdrehen, ein Zeichen, das erfahrene Kollegen vor Ort sofort richtig deuteten: ein unbehandelter Hydrozephalus, ein Wasserkopf, bei dem sich Hirnflüssigkeit staut, weil ihr natürlicher Abfluss blockiert ist.

In Deutschland wäre die Behandlung eines solchen Falls Routine gewesen: ein Ventilsystem, ein sogenannter Shunt, der die überschüssige Flüssigkeit gezielt ableitet, in wenigen Stunden implantiert, mit standardisiertem Material, das in jeder gut ausgestatteten Klinik vorrätig liegt. Hier, an diesem Hospital, war das Standard-Shunt Material seit Wochen nicht lieferbar, eine logistische Realität, die für die Kollegen vor Ort zum Alltag gehörte, für mich aber eine echte Herausforderung darstellte. Der leitende Chirurg des Hauses, ein Mann mit einer Ruhe, die mich sofort beeindruckte, zeigte mir, wie er in solchen Situationen improvisierte: mit sterilisierten, medizinisch zugelassenen Alternativmaterialien, die nicht dem Idealstandard entsprachen, aber, sorgfältig angewandt, denselben Zweck erfüllen konnten. "Wir warten nicht auf perfekte Bedingungen", sagte er, während er die Materialien vorbereitete. "Wir arbeiten mit dem, was wir haben, und wir arbeiten gut damit."

Gemeinsam führten wir die Operation durch, ich mit meiner in Deutschland erlernten Technik, er mit einer über Jahre entwickelten Improvisationskunst, die mich mehr lehrte, als ich in diesem Moment zugeben wollte. Wir legten das Ableitungssystem unter Bedingungen an, die in Deutschland als unzureichend gegolten hätten, und die hier, mit äußerster Sorgfalt kompensiert, funktionierten. Als das überschüssige Hirnwasser zu fließen begann, ein sichtbares, beinahe greifbares Zeichen, dass der Druck auf das kindliche Gehirn nachließ, sah ich in den Augen des kenianischen Kollegen dieselbe stille Erleichterung, die ich aus meinen eigenen Operationssälen kannte. Medizin, so wurde mir in diesem Moment klar, sprach überall dieselbe Sprache, auch wenn die Werkzeuge unterschiedlich waren.

J.K. erholte sich in den folgenden Wochen zusehends. Seine geschwollene Kopfform normalisierte sich langsam, der Blick seiner Augen richtete sich wieder gerade nach vorne, und seine Mutter, die während der gesamten Behandlung kaum von seiner Seite gewichen war, begann, wieder zu lächeln, zunächst vorsichtig, dann unverstellt. Bevor ich das Land verließ, besuchte ich die beiden noch einmal. Der Junge spielte, mit anderen Kindern, vor dem Hospital im Staub, als sei nie etwas gewesen.

Dieser Sommer hat meine Vorstellung davon verändert, was gute Medizin eigentlich ausmacht. Ich war mit der Überzeugung gereist, meinen Kollegen dort etwas beizubringen. Ich bin mit der Erkenntnis zurückgekehrt, dass ich mindestens ebenso viel gelernt habe: dass Improvisation, wenn sie aus jahrelanger Erfahrung und tiefem Respekt vor dem Patienten entsteht, keine Notlösung ist, sondern eine eigene Form der Meisterschaft. Ich denke oft an den leitenden Chirurgen dort, an seine Ruhe, an seinen Satz über perfekte Bedingungen, die man nicht abwarten kann. Ich habe ihn seither mehrfach zitiert, vor jungen Kollegen in Deutschland, die manchmal glauben, ohne die neueste Technik sei gute Medizin nicht möglich.

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Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."