Adoro Journal – Begleittexte · 3 min Lektüre

Der Schalter

Dieser Text ist Teil von „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro) — dem literarischen Vermächtnis von Prof. Dr. Udo Schlot, in dem sich 77 medizinische Fallgeschichten mit seinem eigenen Lebensweg verweben. Mehr auf artadoro.com.

Das Feuer ist heruntergebrannt zu einem roten, atmenden Glühen. Ich stehe auf, ächze leiser als ich es früher getan hätte, lege zwei neue Scheite nach, warte, bis die ersten Flammen sich in die trockene Rinde fressen. Nebenan verklingt das Nocturne, eine kurze Pause, dann höre ich, wie meine Frau die Notenseite umblättert und mit etwas Schwierigerem beginnt, einer Ballade, an der sie sich seit Wochen die Finger wund übt. Ich gehe zum Plattenspieler, nehme die Chopin-Aufnahme, die ich mir zur Musik aus dem Nebenzimmer aufgelegt hatte, aus der Hülle, lege stattdessen etwas Ruhigeres auf, Erik Satie, drei Gymnopédies, die sich wie Nebel über den Raum legen. Ich setze mich wieder, fülle das Glas nach, und in dem Moment, in dem der erste Ton anklingt, bin ich nicht mehr in diesem Zimmer.

Ich bin siebzehn und stehe hinter einem Schalter aus dunklem Holz, poliert bis zum Hochglanz, in der Stadtsparkasse Rheine, mit einer Krawatte, die mir mein Vater gebunden hat, weil ich es selbst noch nicht richtig konnte. Es ist 1972. Draußen vor dem hohen Fenster fährt die Straßenbahn vorbei, drinnen riecht es nach Bohnerwachs und kaltem Kaffee aus der Kantine im Keller.

Ich zähle Geldscheine. Ich zähle sie schnell, präzise, mit dem kleinen, professionellen Griff, den mir der Filialleiter, ein Mann namens Brockhoff, mit unendlicher Geduld beigebracht hat. Ich bin gut darin. Ich bin, das muss ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen, ziemlich gut in fast allem, was man mir in dieser Lehre beibringt, im Kontieren, im Umgang mit den Kunden, in der stillen, disziplinierten Ordnung, die eine Bank von ihren jungen Angestellten verlangt.

Und doch. Es gibt diesen einen Nachmittag, den ich nie vergessen habe, an dem ein älterer Kunde, ein pensionierter Lehrer, mir gegenübersteht und mir, während ich seine Überweisung bearbeite, von einer Operation erzählt, die er Jahre zuvor gehabt hatte, ein Gehirntumor, entfernt von einem Chirurgen in Münster, dessen Namen er mit einer Ehrfurcht ausspricht, die mich seltsam berührt. "Der Mann hat mir mein Leben zurückgegeben", sagt er, während ich den Betrag noch einmal nachzähle, weil ich mich verzählt habe, so sehr lausche ich ihm. "Einfach so. Mit seinen Händen."

Ich reiche ihm die Quittung. Er bedankt sich, geht. Ich stehe noch eine Weile da, das Kassenbuch vor mir, und spüre zum ersten Mal in meinem jungen Leben etwas, das ich später als Sehnsucht erkennen werde, eine Sehnsucht nach genau dieser Art von Bedeutung, die ein Beruf haben kann, wenn er nicht nur Zahlen bewegt, sondern Leben.

Herr Brockhoff bemerkt an jenem Abend, beim Kassensturz, dass ich unkonzentriert bin. Er fragt nicht nach. Er ist ein guter Chef, aber kein Mann für Gespräche über Sehnsüchte. Ich sage nichts. Ich gehe nach Hause, in das kleine Zimmer über der Garage meiner Eltern, und liege lange wach.

Es dauert noch drei weitere Jahre, bis ich den Mut finde, etwas mit dieser Sehnsucht zu tun. Drei Jahre, in denen ich weiterhin Geldscheine zähle, Kredite bearbeite, mich zum verlässlichsten jungen Angestellten der Filiale entwickle, während in mir, leise, aber unaufhörlich, dieser eine Satz weiterarbeitet: Einfach so. Mit seinen Händen.

Als ich Herrn Brockhoff schließlich mitteile, dass ich die Lehre zwar ordentlich abschließen, aber danach die Schule noch einmal von vorne beginnen will, um mein Abitur nachzuholen, sieht er mich lange an, mit einem Ausdruck, den ich erst Jahre später als eine Mischung aus Enttäuschung und stillem Respekt deuten kann. "Sie hätten hier eine gute Zukunft gehabt", sagt er. Ich nicke. Ich weiß es. Ich gehe trotzdem.

Das Feuer knackt, ein Scheit rutscht nach, wirft einen Funken gegen das Gitter. Ich schrecke leicht zusammen, wie jedes Mal, wenn mich diese Erinnerung so unvermittelt wieder loslässt. Satie spielt noch immer leise vor sich hin. Ich nehme einen Schluck Wein, spüre, wie der junge Bankangestellte von damals in mir langsam wieder zu jenem alten Mann wird, der ich heute bin, hier, in dieser Bibliothek, mit einem Karteikasten voller Patienten, die ich nie gehabt hätte, wäre ich hinter jenem Schalter geblieben.

Ich lehne mich zurück, schließe kurz die Augen, und lasse die nächste Erinnerung kommen: das Comenius-Kolleg in Mettingen, drei Jahre später, ein Klassenraum voller Erwachsener, die alle, jeder auf seine eigene, oft schmerzhafte Weise, noch einmal von vorne beginnen.

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