Wenn alle anderen abgelehnt haben · 3 min Lektüre
Der Mann mit der Akte
Karteikarte Nr. 098 — Datum: Herbst. Kürzel: W.L., 46 J. Stichwort: dringend notwendige Wirbelsäulenoperation, an einer Klinik wegen psychiatrischer Vorerkrankung in der Akte de facto abgelehnt. Notiz am Rand: “Eine Akte ist kein Mensch.”
Der Fall
W.L. war sechsundvierzig, litt seit Jahren an einer gut behandelten, stabil eingestellten bipolaren Störung, als ein schwerer Bandscheibenvorfall ihm zunehmende Lähmungserscheinungen in einem Bein bescherte. An einer Klinik, an die er zunächst überwiesen wurde, erlebte er, wie er mir mit sichtlicher Bitterkeit erzählte, eine Behandlung, die sich, ohne dass es jemals offen ausgesprochen wurde, spürbar veränderte, sobald seine psychiatrische Vorgeschichte in den Unterlagen auftauchte: Termine verzögerten sich, Rückfragen häuften sich, und schließlich wurde ihm, mit vagen Verweisen auf eine „komplexere Gesamtsituation”, nahegelegt, sich anderweitig behandeln zu lassen. „Niemand hat mir je direkt gesagt, dass es an meiner Diagnose liegt”, sagte er mir, „aber ich habe in meinem Leben gelernt, diese Art von Zögern zu erkennen.”
Die Wendung
Als W.L. schließlich zu mir kam, mit einer bereits deutlich fortgeschrittenen neurologischen Symptomatik, die durch die vorangegangene Verzögerung unnötig verschärft worden war, entschied ich mich bewusst, seine psychiatrische Vorgeschichte in unserem ersten Gespräch offen anzusprechen, nicht um sie zu problematisieren, sondern um ihm zu signalisieren, dass sie für unsere Entscheidung, ihn zu behandeln, keine Rolle spielte, wohl aber für die Art, wie wir seine Behandlung, etwa die Wahl bestimmter Medikamente nach der Operation, sorgfältig mit seinem behandelnden Psychiater abstimmen würden. Ich sah, wie sich eine sichtbare Anspannung in seinen Schultern löste, eine Reaktion, die mir zeigte, wie sehr er sich innerlich bereits auf eine erneute Zurückweisung vorbereitet hatte.
Die Rettung
Wir operierten W.L. innerhalb weniger Tage, eine Dekompression und Stabilisierung der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte, die technisch keine Besonderheiten gegenüber vergleichbaren Fällen aufwies. Die eigentliche Besonderheit dieses Falls lag in der bewussten, engen Abstimmung mit seinem Psychiater vor und nach der Operation, um sicherzustellen, dass die notwendige Schmerzmedikation und die postoperative Betreuung seine psychische Stabilität nicht gefährdeten, eine Zusammenarbeit, die reibungslos verlief und die mir zeigte, wie unbegründet die vage Zurückhaltung der vorherigen Klinik tatsächlich gewesen war.
Der Weg zurück
W.L. erholte sich gut von der Operation, die Lähmungserscheinungen in seinem Bein bildeten sich über die folgenden Monate weitgehend zurück. Seine psychische Verfassung blieb, dank der engen Abstimmung mit seinem Psychiater, während der gesamten Behandlung stabil, ohne die Komplikationen, die man an der vorherigen Klinik offenbar gefürchtet hatte. Bei seinem letzten Kontrolltermin sagte er mir, mit einer Mischung aus Erleichterung und noch immer spürbarer Verwunderung: „Sie haben mich einfach wie jeden anderen Patienten behandelt. Das hätte ich mir eigentlich früher nicht so besonders vorstellen sollen.” Diesen Satz, so schlicht er klingt, habe ich mir seither mehrfach notiert, als stille Erinnerung daran, wie hoch die Hürde für manche Patienten liegt, bei der ihnen bereits gewöhnliche, unvoreingenommene Behandlung wie ein besonderes Entgegenkommen erscheint.
Die Nachwirkung
W.L.s Fall hat mir gezeigt, wie subtil und oft unausgesprochen Stigmatisierung im medizinischen Alltag wirken kann, selbst bei gut gemeinten Kollegen, die eine solche Voreingenommenheit bei sich selbst vermutlich energisch bestreiten würden. Ich habe diesen Fall seither mehrfach, anonymisiert, in internen Fortbildungen unserer Abteilung besprochen, um für genau diese Art unbewusster, struktureller Zurückhaltung gegenüber Patienten mit psychiatrischer Vorgeschichte zu sensibilisieren, eine Zurückhaltung, die, wie W.L.s Beispiel zeigt, im Zweifel Menschen mit dringend notwendigen Behandlungen unnötig lange warten lässt. Ich glaube, dass gerade wir Chirurgen, die wir uns gerne als rein technisch und unvoreingenommen verstehen, uns solche blinden Flecken besonders selten eingestehen, und genau deshalb umso genauer hinschauen sollten.
Ich lege seine Karte zurück in den Kasten, draußen ist es bereits vollständig dunkel, und ich beschließe, nach diesem nachdenklich stimmenden Fall, für den heutigen Abend eine kurze Pause einzulegen, bevor ich morgen mit frischer Kraft und, wie ich hoffe, einer etwas leichteren Geschichte weiterschreibe.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."