Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Der lange Brief

Karteikarte Nr. 054 — Datum: ursprüngliche Operation vor sieben Jahren, Brief drei Jahre später erhalten. Kürzel: J.R., 45 J. Stichwort: Wirbelbruch nach Sturz vom Dach, ausführlicher, später eingegangener Brief über die langfristigen Auswirkungen auf sein Leben. Notiz: vollständiger Brieftext auf die Rückseite übertragen.

J.R. war fünfundvierzig, als er bei Reparaturarbeiten an seinem eigenen Hausdach abstürzte und sich einen schweren Wirbelbruch zuzog. Die Operation, die wir damals durchführten, verlief erfolgreich, und er verließ unsere Klinik nach einigen Wochen körperlich gut erholt, mit den üblichen Nachsorgeterminen, die sich über die folgenden Monate allmählich auslaufen ließen, wie es bei den meisten erfolgreich behandelten Fällen üblich ist. Ich hätte diesen Fall vermutlich als einen soliden, aber letztlich gewöhnlichen Erfolg in Erinnerung behalten, wäre nicht, drei Jahre nach seiner Operation, ein ungewöhnlich langer Brief bei mir eingegangen, handgeschrieben, mehrere Seiten umfassend, in einer Handschrift, die ich zunächst gar nicht sofort zuordnen konnte, bis ich den Namen am Ende las.

In diesem Brief beschrieb J.R. nicht in erster Linie seinen körperlichen Genesungsprozess, sondern etwas weitaus Tiefgreifenderes, das jener Sturz in seinem Leben ausgelöst hatte. Er schrieb davon, wie ihn die unmittelbare Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, in den ersten, ungewissen Stunden nach dem Unfall, dazu gebracht hatte, sein gesamtes bisheriges Leben zu überdenken, insbesondere sein Verhältnis zu seinen beiden mittlerweile erwachsenen Kindern, zu denen er, wie er selbst offen einräumte, über Jahre hinweg eine eher distanzierte, von beruflicher Betriebsamkeit geprägte Beziehung gepflegt hatte, ohne dass ihm dies, wie er schrieb, "vor dem Sturz überhaupt richtig bewusst gewesen wäre."

Der Brief beschrieb ausführlich, wie J.R. in den drei Jahren nach seiner Operation bewusst begonnen hatte, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, alte Konflikte mit einem seiner Kinder aktiv anzugehen, die er zuvor jahrelang vor sich hergeschoben hatte, und generell eine Dankbarkeit für sein eigenes Leben zu entwickeln, die er zuvor, wie er selbst schrieb, "nie für nötig gehalten hätte, bewusst zu pflegen." Er schrieb, dass die eigentliche Operation zwar seinen Körper repariert habe, aber der Sturz selbst, so paradox es klinge, sein Leben in einer Weise verändert habe, die er im Rückblick als überwiegend positiv empfand, trotz der Schmerzen und der Angst, die er in jenen ersten Wochen durchlebt hatte.

J.R. beschrieb in seinem Brief eine mittlerweile deutlich engere Beziehung zu seinen Kindern, gemeinsame Unternehmungen, die es zuvor jahrelang nicht gegeben hatte, und eine grundlegend veränderte Haltung gegenüber seiner eigenen beruflichen Betriebsamkeit, die er nun bewusster und mit klareren Grenzen gegenüber seiner Familienzeit gestaltete. Er schloss seinen Brief mit dem Satz: "Sie haben meinen Rücken repariert. Aber der Sturz selbst hat etwas repariert, das ich gar nicht wusste, dass es kaputt war."

Ich habe diesen Brief, den längsten, den ich je von einem Patienten erhalten habe, vollständig auf die Rückseite seiner Karteikarte übertragen, weil er mir eine Dimension der Heilung vor Augen führt, die weit über das medizinisch Messbare hinausgeht. Nicht jede Genesung beschränkt sich auf den Körper. Manchmal löst gerade die Konfrontation mit der eigenen Verletzlichkeit tiefgreifende, positive Veränderungen im gesamten Leben eines Menschen aus, Veränderungen, die kein Arzt beabsichtigen oder planen kann, die aber, wenn sie geschehen, zu den bedeutsamsten Ergebnissen unserer Arbeit gehören, auch wenn sie in keiner medizinischen Erfolgsstatistik auftauchen.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."